Jubel, Aziz, mein persischer Freund …


… aber ein Jubelperser ist er nicht! Seit über vier Jahrzehnten sind wir Freunde, viele Male war er Gast bei uns, drei Mal war ich im Iran, ein Jahr vor der Revolution, ein Jahr nach selbiger und einmal zum reinen Vergnügen.

Noch einmal quer durch Persien zu reisen; des Alters wegen war es nicht mehr geplant, aber Aziz wirkt seit gestern Abend wie eine Vitaminspritze! Im kommenden Jahr reisen wir zusammen. Meine Liebste war all die Jahre nicht bereit, mit mir nach Teheran zu fliegen und das Land zu bereisen. „Wenn Kopftuchzwang dort herrscht, schon beim Ausstieg aus dem Flieger, wenn ich nicht allein hinausgehen darf, wenn ich mit den Frauen aus der Sippe nur Gemüse im Garten putzen darf, wenn ich den Mund nur auftun darf, wenn ich gefragt werde, niemals!“

Uns verbindet viel – und es wird noch mehr – im neuen Jahr!

Von den Socken!


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Von der Finanzindustrie ist es bekannt – Geld ist niemals weg, es hat nur immer ein anderer. Diese betrübliche Erfahrung mache ich seit gestern Abend bei meinen Socken. Eine andere hat sie – die Katze von draußen, die derzeit drinnen ist und die meine Socken trägt.

Eben frisch aus Bremen´s Tierklinik und nun nicht mehr interessant für die Kater, soll sie nun eine Woche nicht auf die Straße. Da dort keine Halskrause in der Größe verfügbar war, empfiehlt man eine Socke mit vier weiteren Löchern zu versehen. Eine Socke? Meine Socke! Ein ganzes Paar ging schon beim Terzi drauf, die dritte Masssocke sitzt!

Eben sehe ich, dass es sich auch noch um die Kopie einer Luxusmarke handelt. Dachte denn niemand an meine Füße, die nun frieren? Oder soll ich den einen Socken auf einen Fuß ziehen? Denn mit der anderen, wenn Katze ihn in wenigen Tagen ablegt, kann ich mich nicht mehr sehen lassen, was sollen denn die Leute denken? Vielleicht bringt mir der Weihnachtsmann ein paar neue? Vielleicht…

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Nachbarn in der Sarağlar Mahallessi . – Aslı und Ilke – 7 –


Korrekter: Dr. Aslı ist Anästhesistin, Ilke beschaut sich das Innere des Menschen genauer an als Pathologin. Beide sind im Devlet Hastanesı in Alanya – und sie kennen mich von innen und außen gleichermaßen. Beide lernen außerdem seit vier Jahren bei meiner Frau die deutsche Sprache.  Sowohl bei ambulanten wie stationären Notwendigkeiten gibt es für mich nur noch das staatliche Devlet Krankenhaus.

Das nach den Erfahrungen mit inzwischen drei Privatgelddruckinstituten in der Gesundheitsindustrie hierorts. Die Ankunftshalle im Devlet gleicht einem Hauptbahnhof. Menschen wogen hin und her und umeinander, viele Menschen. Du zahlst so etwas wie einen Eintritt – und du wartest, kurz meist, weil wir eben Freunde dort haben. Die ärztlichen Abläufe sind exzellent, es geht alles Hand in Hand und am Ende kommt wieder eine Rechnung über die Leistungen, erheblich moderater als in o.a. – und teils auch kompetenter als in den privaten Etablissements.

Wir kennen einander auch privat – und es ist hohes Vertrauen – auf beiden Seiten.

Das alle Beide fröhlich in ihren Alltag gehen – und in ihren Feierabend, sei nur am Rande erwähnt, denn das sieht man doch!

Nachbarn in der Sarağlar Mahallessi – Ayşe mit Nachwuchs


Ayşe sehen wir fast jeden Tag, auch an den wenigen windigen oder gar regnerischen Tagen immer mit elastischem Schritt und einem Lächeln, wir mögen sie so sehr wie der kleinen Kessen – Torun/Enkelin ihrer Anneanne. Das ist die Großmutter mütterlicherseits.

Wir sind immer noch nicht am Ende mit unseren Nachbarinnen und Nachbarn. Aber es gibt auch noch die anderen. Wottsjuhnähm, wottsjuhnähm, dröhnt der an die Wissensbildung gewöhnte Nachwuchs der nahen Schule. Nicht etwa nur die Winzlinge, sondern auch die seit Jahren an die fremde Sprache gewöhnt wurden. Das ist ein Desaster, denn sie alle meinen, damit Englisch perfekt zu  parlieren.

Ob in der Schule in der Sarağlar Mahallesi oder an einem Gymnasium in Hakkari nahe der Grenze zu den „Bösen“ oder in jeglicher anderen Schule, die „Kenntnis“ der Fremdsprache werden mit Pathos im Frontalunterricht vermittelt – oder deutlicher gesagt eben nicht vermittelt. Schade.

Vor Jahren wurden wir von einer brotbackenden Damenriege laut und freundlich zum Nähertreten aufgefordert: gel, gel – komm, komm! Extra zwei Stühle wurden geordert und man drückte uns jedem so einen heißen Fladen mit einem Klecks Butter aus einem verknüddelten Papier, dazu jedem ein Glas Tee mit einer Extraportion Zucker.

Verlegenes Kichern im Kreise rundum. Die unbedarften Yabancı hielten beide den Hochgenuss – in der linken Hand. Kein Benehmen, diese Deutschen! Wir lernten – und der Fladen kam in unauffällig in die Rechte, die Welt der Hygiene war wieder in Ordnung …

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Bilder von Stefanie Andersson Photography Örebro in Schweden

 

 

Nachbarn in der Sarağlar Mahallessi – Corinna – 6 –


Das ist Corinna, Ehefrau von Hakan. Beide wohnen nebst zwei ziemlich strammen Katzen seit einiger Zeit im Haus gegenüber. Es gehört Ferdane und Yusuf, die nun fest in Antalya leben – und ich muss nun am Daumen lutschen. Denn niemand kocht mir extra und nur für mich Aşure ohne Zucker. Das Leben ist ein hartes.

Corinna beklagte sich gestern, sie hatte ihr Foto schon gesehen, über viel zu viele Falten. Wir helfen Corinna nicht beim Faltenzählen; sehen in ihr nur ein interessantes, überwaches Gesicht einer interessanten Frau mitten im Leben. Eine mit Blitzeaugen.

Gestern holte ich von ihr den Katzentransportbehälter, das bunte Vieh von der Straße, das uns vor Wochen „adoptierte“ hat einen Termin in Bremen´s Tierklinik. Damit nicht noch mehr dieser ach so niedlichen Kätzelein hier herumstreunen. Heute gemeinschaftliches Arbeiten in einem Garten…

Schön, dass Corinna und Hakan unsere Nachbarn sind.

Auch dieses Portrait ist aufgenommen von Stefanie Andersson Photographer Örebro/Schweden

 

 

Nachbarn in der Sarağlar Mahallessi – Sevim – 5 –


Sevim, Frau von Hasan, Eignerin der schönsten Bougainvillea, riesig, leuchtend rot, weißestes Weiß, Freude für uns jeden Tag beim Vorbeigehen oder -fahren. Seit Jahren eine angenehme und wechselseitig hilfsbereite Freundschaft.

Ihr verdanken die Yabançı die Grundlagen türkischen guten Benehmens. Nachdem wir mit beiden Füßen ins Fettnäpfchen latschten. Sevim brachte zum Einzug einen Tellervoll mit einen türkischen Spezialität. Gar artig bedankten wir uns, genossen, was auf dem Teller war.

Beim Abwaschen ging der Teller zu Bruch, peinlich, Pech. Investiert in einen schönen neuen Teller gaben wir diesen entschuldigend ab – und Sevim verpasste uns mit erhobener Stimme das Einmaleins des Miteinander: lege immer – immer! – etwas auf den Teller, den du zurück gibst! Neben dem Schuhe draußen ausziehen, im Hause die Terlik überstreifen usw. usw. Man weiß doch schließlich, was sich ziemt…

Inzwischen ist die Kletterrose Marke Sevim weit über die Pergola hinaus gewachsen und erfreut uns und alle Besucher zu ihrer Zeit mit übervollen Blüten

Nachbarn in der Sarağlar Mahallessi – Hatice – 4 –


Bild: Stefanie Andersson, Photography, Örebro/Schweden – alle Bilder dieser Serie

Hatice hanım – eine dieser Nachbarinnen, immer freundlich, dabei immer auf höflicher Distanz. So kennen wir Hatice seit Jahren. Wir wissen, in welchem Haus sie wohnt, aber mehr schon nicht mehr. Aber immerhin nahm sie die Einladung zu diesem Foto von ihr gerne an.

Mag Hatice für manche Andere in der nachbarlichen Gemeinschaft stehen, die sich tagtäglich sehen: die dünne kleine Mutter von vier kleinen Kindern in einem dürftigen Zuhause schräg gegenüber. Hin und wieder steht dann schon mal ein Paket mit Essbarem vor ihrer Tür, hin und wieder ein diskreter Umschlag neben Zucker, Mehl, Öl.

Da buckelt eine andere Nachbarin dicke Packen Futter für ihre Ziegen von immer weiter her, denn die Zivilisation hat ihre nahen Futterplätze mit Beton zugebaut.

Der kleine Kerl vom übernächsten Haus, ein fürchterlicher Wutbollen einst, nun ein aufgeschlossener Junge, sehen wir einander, halten wir an und klatschen uns laut und fröhlich ab.

Als wir vor Jahren unsere Hütte bezogen, kamen unangemeldet fünf Frauen herein, inspizierten alle Zimmer, schauten in die Schränke, befühlten die Matratzen, gingen zufrieden wieder – üblich hier auf dem Lande. Die Qualität sagte wohl zu. Dann kam nach und nach Gestricktes, Gehäkeltes….

Unvergessen: zum ersten Weihnachtsfest, hierzulande nicht gefeiert, kam Selcuk, bollerte: ihr seid doch Christen, ihr feiert doch Weihnachten. Selcuk war ein Stück mit seiner uralten Karre in die Berge gefahren, einen Kiefernzweig zu finden, ihn mit einer Schlange aus der Schale einer dicken Apfelsine zu verzieren. Ein von einem Muslim überreichter Weihnachtszweig. Es lebt sich gut in der Sarağlar Mahallesi…