Aleks


Aleks und sein kurzes Dasein 

Aleks gibt es seit einigen Tagen nicht mehr. Aleks ist – war – ein junger kleiner Hund. Der „aufs Dorf gebracht“ wurde; Synonym für…..

Ich werde über meine allzu kurze Bekanntschaft mit Aleks berichten. Keine Sorge, die Papiertaschentücher können in der Packung bleiben. Nach getaner Arbeit sei gut ruh´n  – alte Volksweisheit. So gönne ich mir nach dem Unterricht in der Fakülte einen aufmunternden Tee, seit Wochen als Gast bei Deniz und Salim. Vor wenigen Wochen drückt Salim mir ein Fellbündelchen in den Arm: das ist Aleks.

Das kleine Hundevieh, vermutlich, wie üblich, viel zu früh der Hündin entzogen, drückt seine Babyschnauze in die Armbeuge und schläft erstmal eine Runde. Bis er munter wird und mit seinen spitzigen Zähnchen meine Hände zerkaut. Aleks wächst mit Futter von unseres nach 15 Jahren abgetretenen Chris rasch heran.

Täglich kommt der kräftig wachsende Aleks her, holt sich seine reichlichen Streicheleinheiten ab, hängt sich an die Hosenbeine, lässt nicht locker. Pättärr, nimm ihn mit,, den Aleks, unsere Gäste mögen keinen Hund! Aber nach über vierzig Jahren Hunde im Haus wollen wir uns eine Auszeit von Vierbeinern nehmen. Ich zögere – einen Tag zu lange – zwei orientalische Märchen werden mir erzählt; Aleks wurde „aufs Dorf gebracht…. Als Andenken hinterlässt Aleks eine dauerhafte Narbe auf der Hand, ungeimpfte Babyzähnchen haben dann auch schon Bakterien an sich.

Manchmal stoßen die unterschiedlichen Kulturen hart mit den Hörnern zusammen. Dafür hat eine draußen lebende Katze uns für sich adoptiert….

Peter Hockenholz am 30. November 2011

Fest zementiert im rechten Glauben


Fest zementiert im rechten Glauben –

die Begegnung mit einem Hüter des Islam 

Das am dreißigsten Mai der Weltuntergang stattfinde, wie es die kölschen Jecken intonieren, trifft so nicht zu. Unsere ramponierte Mutter Erde drehte sich  – erwartungsgemäß –  auch noch am 31. Mai weiter um ihre quietschende Achse. Sie wird es so lange weiter mit uns Menschen aushalten, wie es dem Schöpfer gefällt und der uns Menschen noch viel deutlicher zu verstehen gibt, wo der Spaß aufhört.

In die Richtung gegenseitigen Verstehens zumindest ging die Fahrt einer kleinen Gruppe des Sankt Nikolaus-Kirchenvereins Alanya nach Izmir. Sie folgte einer Einladung des Yamanlar Kollegij  und seinem Religonswissenschaftler Dr. Durmus Ali Karamanli zu einer ausführlichen Unterrichtung über den Glauben der Muslime. War es Desinteresse am Thema, war es die Furcht der nicht anwesenden Christen vor der vielstündigen Fahrt nach Izmir, dass nur so Wenige sich auf den Weg gemacht haben? Nach der den meisten Türken eigenen immer wieder zu erlebenden warmherzigen Freundlichkeit erkundigte sich der Referent bei jedem einzelnen Gast ausführlich nach Namen, Herkunft, Motiv etc.

„Dieses Ritual gehört zu unserer selbstverständlich geübten Gastfreundschaft“. Gastgeber wie Gäste wussten sich darin einig, Gemeinsames herauszuarbeiten, Trennendes jedoch nicht auszuklammern. Fragen, auch kritische, waren nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht.

Zur Persönlichkeit des Referenten sei berichtet, dass die Doktorarbeit sich mit dem Thema Sozialleben und Koran befasst. Der Verfasser mehrerer Bücher über den muslimischen Glauben sammelte internationale Erfahrungen, unter anderem in Deutschland wie in Lyon und Paris in Frankreich. Er gliederte seine Ausführungen in die drei Themen:

Islam und Christentum, die Rolle der Frau im Islam, Muslime und Alkohol.

Er leitete aber damit ein, dass der Islam nach dem Koran eine durch und durch friedliche Religion repräsentiere, welche andere Religionen achtet. Der militante Islamismus sei weit von der Lehre des Propheten Mohammed entfernt. „Wer einen Unschuldigen tötet, hat die Menschheit getötet. Wer ein Menschenleben rettet, hat die Menschheit gerettet“. Die drei Vorlesungen waren bestens strukturiert, verlangten dem interessierten Laien viel, teilweise zu viel, ab.

Wir Zuhörenden lernten mit Dr. Durmus aber auch einen Routinier kennen, der virtuos das Instrument der Dialektik beherrschte. So zum Beispiel wurde die Frage nach dem Verhältnis der Sunniten zu den Aleviten fein umgangen. Die verbrannten alevitischen Intellektuellen in Sivas seien ein politischer Akt. Man sei aber Korangelehrter. Ein so genanntes Totschlagsargument. Die Ruinen ehemals christlicher Kirchen auf Nordzypern? Politik natürlich. Was denn sonst? „Wenn sich die vertriebenen Träger und Eigner nicht um ihre Liegenschaften kümmern, nun, dann verfallen sie eben!“ Das erinnert peinlich an die Argumentation der Machthaber der so genannten DDR.

Die Frau habe in der männlich geprägten Welt des Islam die ihr vom Propheten vorgegebene Rolle noch längst nicht erreicht. Das sei mit der Historie erklärt, denn in den vor dem Religionsgründer herrschenden brutalen Zeiten seien neu geborene Mädchen nichts wert gewesen und gleich nach der Geburt lebendig begraben und entsorgt worden. Dieses im Kontext zur Schulpflicht der Jetztzeit. Immer noch komme es vor, dass Eltern in weit entfernten Landstrichen die Schulpflicht ihres männlichen Nachwuchses genau nehmen, Bildung für die Töchter aber als nicht nötig erachteten. Dann greift der zuständige Gouverneur persönlich ein, weil er Ankara gegenüber Rechenschaft abzulegen hat.

Zum Thema Heirat hingegen klang deutlich durch, dass es schon seine Richtigkeit habe, wenn Väter und Brüder die Ehre der Schwester schützen, und die Eltern für eine vernünftige Eheschließung zeitig sorgen. Auch das Reizthema Kopftuch oder kein Kopftuch war nicht ausgespart. Die schlechte Behandlung und Unterdrückung der Frau sei vom Koran her nicht gedeckt.

Im Stellenwert der deutschen Übersetzung des Koran aber kommt nach der Rolle der Kuh und der Rolle des Hauses die Rolle der Frauen erst an dritter Stelle. Das Zitat in der vierten Sure, Auszug: Diejenigen (Frauen) aber, deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet, warnt sie, meidet sie in den Schlafgemächern und schlagt sie, dieses Zitat sei nicht wörtlich zu nehmen. Der Koran müsse eben immer im Kontext zu erklärenden Schriften gelesen und verstanden sein. Ob aber alle gläubigen Muslime so verfahren? Zweifel seien trotz allen Respekts vor dieser Weltreligion angebracht.

Sehr deutliche Worte fand Dr. Domus in die Richtung der Imame. „Die konservieren die alten Zöpfe. Sie sind darauf gedrillt, den Koran in arabischer Sprache Sure für Sure auswendig zu lernen, ohne den Sinn verstehen zu können. Sie sind viel zu wenig gebildet – und pauken die Nichtbildung wiederum Generation für Generation ein!“ Das Leben sei anders als das geschriebene Wort….  Dr. Domus Ali Karamanli war ein Erlebnis! So, wie die Gastfreundschaft des Yamanlar Kolleji, einer privaten Schulen mit angeschlossenem Internat. Privat von Stiftungen errichtet und unterhalten kosten sie die Eltern ein heftiges finanzielles Opfer, wobei ca. 5 % der Absolventen bei Eignung, Einsatz und Persönlichkeit per Stipendium gefördert werden. Eyüb Yegen aus Schwäbisch Gemünd, Deutscher türkischer Abstammung, in Deutschland geboren, macht hier seine Ausbildung. Eyüb Yegen begrüßt uns in einwandfreiem Hochdeutsch ohne schwäbischen Zungenschlag. Seine Eltern wünschen, dass er seine türkischen Wurzeln nicht vergisst. Zu Hause wird in der Familie türkisch gesprochen. Die Eltern bringen Monat für Monat € 500.— Schulgeld auf, zuzüglich Versorgung im Internat, Schulbücher und Lehrmittel sind ebenfalls kostenpflichtig. Eyüp will nach dem Abschluss Ingenieurwesen in Deutschland studieren. Ismail Akmen aus der Paderborner Pelizaeusstraße plant ein Jurastudium in Deutschland, schaut aber auch nach Alternativen. Solche jungen Menschen werden nach und nach das Bild „der Türken“ in Deutschland aufhellen. In den Kriminalstatistiken wird man sie nicht wieder finden.

Das Verstehen und das Verständnis verdanken wir des Türkischen nicht Mächtigen Sami bey, dem menschlichen, warmherzigen und umfänglich gebildeten Dolmetscher, Reiseleiter. Sami bey wusste, was er simultan übersetzte. Danke, danke, Sami bey! Dem Sami verdanken die Gäste auch den  Hinweis auf den deutschen ehemaligen Kaiser Wilhelm.

Türken haben zu Deutschland und den Deutschen immer ein besonders herzliches Verhältnis gepflogen. Willem Zwo habe die Türkei besucht, vorher angefragt, was er denn mitbringen soll. Die Türken haben sich einen Brunnen gewünscht. Wasser sei das Lebenselixier des Menschen. Ein Brunnen würde auch nach dem Tode des Stifters Segen wirken. Nicht nur für die Durstigen, sonder auch für den Stifter selbst. Denn nach dessen Tod löscht er weiterhin den Durst der Durstigen. Jeder Tropfen wird in der himmlischen Buchhaltung der positiven Seite der Lebensbilanz zugerechnet. Wenn irgend wann einmal Soll und Haben ausgeglichen sind, erst dann findet die Seele ihre Ruhe bis zur Wiederauferweckung.

Der kaiserliche Brunnen erfrischt auch heutzutage noch mit seinem Strahl, der verblichene Potentat nicht mehr.

Auch ein gewisser Adolf H. war während seiner tausend Jahre gern gesehen und umworben von der Türkei. Deutsche und Türken seien eben ganz besonders herzliche Freunde. „Nur mit Frau Merkel haben wir so unsere Probleme…“ Sei es drum…

Pastor Rainer Wutzkowsky vergleicht die so verschiedenen Religionen mit einem Wagenrad. „Wenn Gott, der Schöpfer, die Nabe ist, so sind die Religionen die Speichen. Alle zusammen ermöglichen Bewegung. Je näher die Religionen sich bei Gott befinden, desto kleiner nur noch sind die Unterschiede wahrnehmbar.“ Ein simples, eingehendes Bild, das dem Laien das Verständnis erleichtert.

Seit dem Jahre des Herrn 2006 war die Begegnung der besonderen Art initiiert und vorbereitet von Rolf Rutter, Sprecher des Sankt Nikolaus Kirchenvereins Alanya. Danke. Lasst es – bitte/lütfen – nicht beim Einmaligen bewenden!

Das die Zeit- und Tourenplanung lausig war, sei schlussendlich zur der Vollständigkeit angemerkt. Gute Besserung – für uns alle. Aber die Kakerlaken im Tatil köy, dem Feriendorf, haben nun wieder ihre Ruhe. Denn die wohnen immer dort, nur wir haben sie für eine etwas gewöhnungsbedürftige Nacht leider stören müssen. Schwarze Haare in den im doppelten Wortsinn gräulichen Betten? Eigentlich ganz normal, oder? In der Türkei gibt es eben relativ wenige Blondinen, klar? Es war eben ein Feriendorf, und das hatte noch Ferien.

– ho

Zu Hause bei Havva, Bülent und Cile


 

Zu Hause bei Havva, Bülent und Cile

Türkische Kinder sind meistens von kleinerem Wuchs als unser deutscher eiweißernährter Nachwuchs. Sie haben meistens sehr blanke Augen und sind dem Europäer äußerst zugewandt.

Peter, seine liebe Frau und sein meistens lieber Hund Chris wurden eines wunderschönen frühlinghaften Januartages zu Hause in Kestel von Havva und ihrem Bruder Bülent nach Schulschluss  abgeholt zu einem Besuch im Elternhause.

Über Wege, welche den wehen Kniegelenken alles andere als geebnet gelten mussten. Aber nur hurtig den leichtfüßigen blauen Schuluniformen gefolgt, nach wenigen Kilometern auf und ab sitzt man aufatmend wieder einmal in einer dieser schlichten und gastfreundlichen Hütten auf dem Lande.

Havva, noch neun Jahre jung, am 17. ocak wird sie zehn – und wir sind wieder eingeladen – und Bülent, ihr Bruder, 8, beide ihre fröhlichen Gesichter voller Sommersprossen, sind Peter bestens bekannt aus der Alantur ilk okulu, der Grundschule.

Auf dem Wege zwitschert Havva pausenlos ein ganz klares und für die Ausländer extra langsam gesprochenes reines Türkisch, keine verschluckte Silbe.

Zu Hause lernen wir außer der Mutter auch noch Cile, die fünfzehnjährige Schwester, kennen – Bewundern der jeweiligen Schulaufgaben, die blauen Schuluniformen sind längst abgelegt, der didaktisch interessant gestalteten türkischen Schulbücher.

Cile möchte nach dem Ende der Schulausbildung Englisch studieren und sich für eine anspruchsvolle Aufgabe im Tourismus qualifizieren. Die Mutter der drei wachen hübschen Kinder fragt nach privater Putzarbeit, sie ist im Winter ohne Einkommen…

Gegessen werden die türkischen Köstlichkeiten, mal wieder extra für die Gäste bereitet, auf dem Tischtuch, welches auf dem Fußboden ausgebreitet ist. Die Sitzposition, untergeschlagene Beine, für den Europäer so gut wie uneinnehmbar, die linke, die unreine Hand, dient als Stütze für eine einigermaßen zumutbare Körperhaltung – und hält davon ab, dass die Rechte allzu ungeniert zugreift, denn die Familie hält sich höflich zurück, bis die Gäste gesättigt sind…

Schularbeiten werden anschließend gemacht, ebenfalls auf dem Fußboden, denn Tisch und Stühle sind keine vorhanden.

Eine frohe und offene zugewandte Atmosphäre herrscht, Peter und seine Frau fühlen sich wohl bei der Familie Erat. Eine gastliche Stunde ist rasch herum, mit frischen Frühlingsblumen beschenkt folgen wir unserem siah köpek, unserem schwarzen Hunde Chris in die vorfrühlinghafte Abenddämmerung.

Die Offenheit, das Zutrauen dieser Kinder und Heranwachsenden, die Peter und seine Frau kennen lernten, sind eine Bereicherung. Werden diese Kinder, die ohne Computer, ohne game boy aufwachsen, ihre Natürlichkeit erhalten können, werden sie die Chance qualifizierter Ausbildungen erhalten, um – als nachfolgende Generation – die Türkei in eine friedliche Zukunft – nach Europa? – zu führen?

– ho 07.01.2003

 

 

 

 

 

Advent in der Türkei


Advent in der Türkei 

Denk´ ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich, ganz im Gegensatz zu Heinrich Heine, nicht um den Schlaf gebracht. Mir fällt dann  der Weihnachtsmarkt in Hannover ein – meist Nieselregen, man zieht den Anorak oder den Wintermantel enger um sich und sucht zielstrebig den Stand mit den leckeren Reibekuchen auf. Fetttriefend aus der Pfanne und viel reichlich gesüßtem Apfelmus.

Die C/I-Polizei, unbestechliche Wächterin über Cholesterin- und Insulinwerte straft die Freveltat unverzüglich…

Das kann bei milden sonnigen zwanzig Grad Celsius am Mittelmeer nicht passieren; Advent findet hier nicht statt. Oder doch? Dieses ist das erste Jahr, in welchem wir, gerade recht zur Adventszeit, die ersten Mandarinen ernten, die ersten Apfelsinen bestaunen, sieben Zitronen zählen und täglich nachsehen, ob die sieben Avokadofrüchte noch am Baum hängen. Ursprünglich waren es fünfzehn, einige sind mit nach Schweden gereist, einige nach Deutschland, einige haben schon suuuper geschmeckt.

Die Äpfel haben gestern unsere Freunde Yusuf und Ferdane mitgebracht. Sie kommen tagfrisch aus der Plantage der Eltern der Schwiegertochter. Die Schale mit der Kerze ist in Schweden entstanden.

In der Metro Alanya ist eine furchtbar entzückende Landschaft aus Plastiktannen und Glitzerlämpchen aufgebaut. Advent zu begehen bedarf es keiner Glitzermeilen verkaufsfördernder Schaufensterauslagen. Advent findet in dir statt. Dafür sind wir dankbar.

Peter Hockenholz am 27.11.2011

Die Türkei und das Friedrichsbrot


 Türkei  – das Friedrichsbrot 

In der Türkei, unserer Heimat, herrscht Brotnotstand. Es gibt so gut wie kein Brot, nur, Allah sei es geklagt,  diese weißen weichen nur wie Brotlaibe aussehenden Dinger namens ekmek. 

Man bekommt sie zur alltäglichen mercımek şorbası, der leckeren Linsensuppe, einfach zu jedem Gericht. Man kann es in Soßen einweichen. Man bekommt sie sogar den Schlund hinunter, aber nur an dem Tag, an dem sie vom fırıncı, dem Backteriologen, dem Holzofen entrungen sind.

Am nächsten Tag findet man sie auf den Flachdächern zum Trocknen, damit das liebe Vieh von dieser nahrhaften Wohltat wachse und gedeihe.

Aber da gab es doch so einen deutschen Brothersteller, der die Esskultur und die Welt verändern wollte. Die Metro in Alanya führt seine Produkte nicht mehr. So dass am deutschen Brotwesen die Welt nicht mehr zu genesen vermag.

Aber in Peters Burg hinter dem wildschäumenden Dimçay, kann man jederzeit ein herzhaftes Vollkornbrot, ein kerniges Friedrichsbrot, genießen, er backt es selbst.

Du kaufst bei Metro Alanya aşurelik buday in 2,5 Kilobeuteln ein. Das sind die geschälten Weizenkörner, jeder Türke und mancher Halbtürke kennt sie. Vorteil: sie sind vom Hersteller nicht begast. Nachteil: nach einiger Zeit ist der Mehlwurm als Mitesser drin. Abhilfe: die Körner für fünf Minuten in die Mikrowelle.

Außerdem brauchst du kepekli un, Vollkornmehl, gibt es auch bei Metro auf Augenhöhe, bei Kipa als Bückware, verstaut im untersten Regalfach. Runter mit den Rheumanknien!

Hast du eine Getreidemühle, kaufst du bei einem der vielen Mehl- und Getreidehändlern 1-5 kg buday , Weizen. Lass dir kein buday un , Weizenmehl andrehen! Das hat den Vorteil, dass alles, was ein naturbelassenes Getreide ausmacht, wirklich drin ist.

Nachteil: du kaufst immer Dinge mit, die eigentlich nicht haben wolltest: kleine Reste vom Halm, Unkrautsamen, kleine Steinchen. Das muss raus! Den Staub bläst der Wind von dannen, du musst nur auf den Balkon gehen, in der Küche erzeugst du Ärger.

Die Minigebirge und die kleinen schwarzen Sämereien musst du eben von Hand auslesen. Arbeit über Arbeit, also! Du kannst dir das Leben auch leichter machen; der Handel bietet Fertigmischungen an, die auf der Packung äußerst lecker aussehen. Den Inhalt kippt man mit der entsprechenden Menge Wasser in den Backautomaten. Fertig. Schmeckt. Setz dir aber vorher die Brille auf und lese mal im Kleingedruckten nach, was da alles so drin ist aus den Produktionsstätten der chemischen Industrie. Afiet olsun! Recht guten Appetit.

  1. das Quellstück

200 g Weizen, ganzes Korn

100 g Wasser, ca. 80 Grad C, über Nacht im Kühlschrank

 

  1.  der Ansatz

250 g Weizenvollkornmehl

150 g lauwarmes Wasser

3 Gramm frische oder entspr. Trockenhefe

 

03. Die Zubereitung

250 g Weizenvollkornmehl

403 g Ansatz

300 g Quellstück

250 g Yoghurt/Wasser

25 g frische oder entspr. Trockenhefe

14 g Salz

 

05. die wichtigste Zutat

ob du von Hand oder per Backautomat oder mit dem Handrührer knetest, ist völlig wurscht! Jedes Brot hat eine Seele! Knete gute Gedanken mit hinein. Ein Ärgerbrot weigert sich, lecker zu werden!

 

– ho am 25. November

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der gar nicht so alte Mann und das gar nicht so Schwarze Meer


Studentinnen und Studenten der Universität Mugla in der Türkei haben diesen Artikel im Deutschunterricht bearbeitet und eigene Meinungen entwickelt – Spätherbst 2011

Der gar nicht so alte Mann und das gar nicht so Schwarze Meer

Eine Reise von Trabzon bis Istanbul im August 2011

Nächtlicher Abmarsch, die abgenutzten Rollen unserer Hackenporsches klackern durch das schlafende Kestel, Abflug um 06:00 Uhr in Antalya – eine überaus unchristliche Zeit, aber hierzulande dominiert ja der Islam…. Ankunft in Trabzon in der Hauptberufszeit – 07:20 Uhr.

Wir latschen ein wenig müde vom Flughafen zur Hauptstraße; eine Tasse oder zumindest ein Pappbecher mit Kaffee würde Wunder wirken, aber um diese frühe Morgenstunde war weder ein Wunder in Aussicht, noch ein Dolmuş. Davon rasten einige hundert in Richtung Stadt, aber alle voller Arbeitswütiger.

Da wir im Gegensatz zur arbeitenden Bevölkerung nicht unter Terminzwang litten, versuchten wir, es gelassen, fast philosophisch zu nehmen. Irgendwann fanden wir uns dann doch noch in Trabzons guter Stube wieder. Trabzon, Metropole und erste Station am Schwarzen Meer. Bedeckter Himmel, Nieselregen, Labsal auf der Glatze und auf der Seele nach den Augusthundstagen hinter dem wild schäumenden Dimçay.

Ein Lokanta offeriert kahvaltı. In unseren Köpfen das Bild eines rundum reichhaltigen Frühstücks – Brot, Butter, Tomaten, Oliven, Eier, sucuk. Ein Phantom – es gab Suppe, ordentlich in Olivenöl gebratenes Gemüse, Reis, dunkles (!) Weißbrot. Kahve? Yok! Cay? Yok!

Mit vollem Bauch suchst du dir erheblich angenehmer und wohl gelaunter dein Bettchen für die Nacht. Versehen mit den freundlichsten und gut gemeinten Ratschlägen im Lokanta klackern wir los ins Getümmel der Großstadt Trabzon. Vor uns ein recht ansprechend aussehendes Hotel. Die Frage nach einer ordentlichen Übernachtung verkneifen wir uns, Luise sieht hoch oben die Leuchtwerbung für ein Eroscenter. Trabzon ist eine wichtige Hafenstadt in unserem Gastland – und wir sehen die „Nataschas“ ein- und ausgehen, ihre Dienstleistungen sind gefragt.

Gleich nebenan ein bürgerliches Hotel, wir buchen – und sind unsere rolligen Koffer und deren Klackergeräusche erst einmal los, entdecken Trabzon. Wenige Tage zuvor ging ein sportliches Festival zu Ende Trabzon zeigt noch Flaggen. Zu entdecken gibt es eine quirlige Metropole am Schwarzen Meer, das gar nicht so schwarz aussieht, eher grau, so wie der Himmel heute.

Ein gepflegtes Feinkostgeschäft in der City. Der Juniorchef, Student an der Eliteuniversität in Istanbul, unterstützt seine Inhabereltern während der Semesterferien. Er spricht, Luise als der Sprache Kundige genießt dieses reine Hochtürkisch; Labsal für die Ohren nach dem Dialekt in Alanya.

Ein nächster Tag; die Nacht neben dem Puff war ruhig und erholsam, ein gepflegtes Café an der Hauptpromenade. Missbilligende Blicke einiger konservativ gekleideter Passanten – es ist doch Ramazan, der Fastenmonat. Doch die Magennerven von uns Ungläubigen verlangen ihr Frühstück. Wir gehen in uns ob unserer scheinbaren Ignoranz und genießen einen zweiten aromatischen Tee.

So. Gestern buchten wir einen Ausflug in den Taurus zum Kloster Sümele. Einige Stunden Fahrzeit, es knackt in den Ohren. Sümele Monasteri, sehenswertes Kulturdenkmal hoch über den Wolken, eng an die steile Bergwand gebaut, wie ein riesiges Vogelnest, ein Muss für den Reisenden!

Einst errichtet als griechich-orthodoxes oder russisch-orthodoxes Kloster, als Sehenswürdigkeit vereinnahmt von der Nachfolgereligion. Diese heute den religiösen Markt beherrschende Religion geriert sich als die toleranteste, friedlichste, menschlichste Religion, so zumindest interpretiert man den Koran. So sind – im Namen der Toleranz, den Heiligen auf den unwiederbringlichen Wandmalereien nicht nur die Augen vom Mob ausgekratzt, nach Möglichkeit gleich die kompletten Gesichter. Nur hoch oben, wohin die zerstörerischen Hände und Arme nicht reichten, war der frommen, eher frömmelnden Zerstörungswut eine Grenze gezogen. Spricht der Ungläubige die Rechtgläubigen darauf an – kommt sofort das Gegenargument: die Dramatik der Kreuzzüge…. Mit Feuer und Schwert lehrten die Christen aller Welt, was Sache zu sein hatte….

Nun vermarktet der Islam diese äußerst lukrative gewinnbringende Immobilie an Bildungsbeflissene zur Ansicht. Ein Schild: Alte über 65 Jahre, zahlen keinen Eintritt. Barsch werden wir abgebügelt: Yabancı, du blechst! Basta!

Auf der Rückfahrt lockert die introvertierte Stimmung muffeliger Individualreisender im Kleinbus deutlich auf. Man beginnt miteinander zu reden. Allah sei Dank regnet es unentwegt weiter, so ist für Gesprächsstoff gesorgt. Luise geleitet eine beleibte Texanerin die vielen schlüpfrigen Stufen hinab von Sümele, ihr Ehegespons muffelt hinterdrein; nach und nach findet man sich sympathisch, verspricht sich, eine langanhaltende Freundschaft auf facebook zu begründen – inshallah…

Zwei Hagestolze aus Downunder, auf Vierwochentrip durch die Türkei „wir lassen uns Zeit“ – bewundern Luises Sprachvirtuosität – türkisch – deutsch – englisch in raschem Wechsel. Das Kompliment dafür erhält der Sprachmuffel: „toll von dir, dass du eine solche Frau geheiratet hast“. Luisen verschlägt es die Sprache ob dieser Logik; mir hingegen schwillt der Kamm. Vor Stolz auf meine liebe Frau!

Ein hilfsbereiter Fahrer eines dieser riesigen Überlandbusse fährt uns mit seinem Vehikel quer durch Trabzon an die Stelle, an der die kleineren Busverwandten ihre Gäste auflesen, will kein Fahrgeld annehmen. Nächstes Ziel: die kleine Stadt Giresun am Schwarzen Meer.

Mühselig der Aufstieg zum kale otel, zum Burghotel. Schon die alten Hethiter mögen sich mit ihrem kriegerischen Gepäck schwer getan haben auf diesem Horrortrip über unregelmäßiges Kopfsteinpflaster, seit dieser Zeit in diesem Zustand. Ständiger Blick nach hinten unter asthmatischem Schnaufen, ob nicht einer unserer Koffer schon ein Rad ab hat. Vorne dran fühlen wir uns wie die eşekler, die Esel, die müde ihre Lasten zu tragen haben.

Der freundliche Burgherr und Hotelbesitzer setzt dann noch eins drauf: „ich habe ein Zimmer für euch im vierten Stock, dort habt ihr die schönste Aussicht auf den Hafen von Giresun“. Asansör? Yok! Kein Fahrstuhl. Empfehlenswert, das kale otel und seine Menschen dort.

Nächste Station ist das Örtlein Tirebolu, auch am Meer, dem schwarzen. Internet und Reiseführer schwärmen von vielen historischen Holzhäusern – unbedingt anzuschauen. Der hilfsbereite Bäcker himmlisch herzhafter Schwarzmeerbrote – hm lecker -: vergesst es! Der Zahn der Zeit hat die meisten unserer Holzhäuser aufgegessen. Hotel? Vergesst es, es gibt da am Strandbad „so eine“ Pension, telefoniert für uns.

Diese wohl einzige Unterkunft in Tirebolu sehen – die Rollis aus dem Stand herumreißen, türmen! Ein Jüngling, freundlich, offen, hilfsbereit, wie wir die meisten Türken immer noch und immer wieder erleben, weist uns den rechten Weg zum Bus. Wir trotteln vor uns hin, sehen, wie vier junge Männer sich vor den Bus gestellt haben, ihn an der Abfahrt hindern: warte, da kommen noch zwei, geben den Weg erst frei, als unsere schon etwas derangierten Rollis sicher untergebracht sind und wir auch wirklich bequeme Plätze eingenommen haben. Herzliche dankbare Verabschiedung per Handschlag, glückliche Teenies.

Der kleine Kerl mit den riesengroßen Haselnussaugen, bei der Ankunft befragt, empört sich über einen naseweisen alten Kerl: Amca, ich habe den yabancı alles genau erklärt. Warum mischst du dich hier ein? Luise tröstet, lobt ihn sehr, er imponiert uns. In Giresun rät man uns dringend, das kleine Örtlein Kümbet aufzusuchen. Kümbet liegt wie Sümele über den Wolken, meistens, heute allerdings nicht, sondern mitten drin.

Der direkte dolmuş nach Kümbet, auf dem halben Weg nach Sivas, fährt morgens um halb neun ab, da schlafen wir noch. Ein späteres Fahrzeug verspricht, uns bis nach Dereli mitzunehmen – aber erst, wenn mindestens zehn Fahrgäste denselben Wunsch äußern. Das dauert. Ich maule, Luise ist gereizt. Weil ich maule. Geduld, Geduld, hier in diesem Lande gehen die Uhren eben anders, begreife es doch endlich mal. Im Fastenmonat Ramazan noch langsamer – und nicht allzu viele haben nicht allzu schnell Bock auf eine Busfahrt in den Taurus hinauf.

Schon vor der Ankunft am Zwischenziel Dereli hat der Fahrer uns schon avisiert, er bringt uns noch zum Lebensmittelgroßhändler. Osmanlı un, Mehl der Marke Osman, Zucker, Salz, Oliven, alles Essbare, was Mensch so braucht – oder zu brauchen von der Industrie erzogen wurde, ist verladen, bei den letzten Säcken und Kartons mit den nahrhaften Knorrsuppen legen wir mit Hand an. Hoch und höher hinauf führt die Straße, die längst keine mehr ist, die letzten Regenfälle haben eine höchst notwendige Geschwindigkeitsbeschränkung durchgesetzt, Erdrutsche und halb abgebrochene Straße mit etwas beunruhigendem Blick nach unten in die Gischt im Flussbett … na ja, Angst gerade nicht, aber Respekt vor dem Fahrer, der seinen Bus mit Oma und Enkelin und den beiden wertvollen Reisenden durch den Schlamm glitscht. Die Knorrsuppenkartons schaukeln im Takt.

Hin und wieder Halt, Waren ausliefern. Lieferscheine und Rechnungen werden durch ein etwas abgegriffenes Oktavheft brauchbar ersetzt, bezahlt wird bar Kralle.

Kümbet soll erreicht sein, wir sehen so gut wie nichts. Allah hat mit dichtem Nebel eine angeblich atemberaubende Aussicht wirksam versteckt. An die Kälte und den Regen sind wir ja nun schon gewöhnt. Ein heißer Tee würde auftauend und aufbauend wirken. Aber nichts da: Ramazan. Ein Wirt wäscht sorgsam sein Auto – kommt heute Abend wieder.

Sein Konkurrent sieht das nicht so verkniffen – heiße Suppe, viel Fleisch drin, der Mann ist nicht nur Wirt, sondern auch noch Metzger, frisches Brot vom Bäcker gegenüber, heißer Tee, der köstlichste Käse der Welt, wie er wohl nur in den Bergen reift.

Luise parliert lautstark mit pensionierten Lehrerinnen aus Istanbul, hier im Urlaub. Urlaub in Kümbet! Paukerinnen unter sich, man knuddelt, hier und dort, ach, bleibt doch hier! Morgen klart es auf! Inshallah!

Der bakalcı, der Händler für Nahrhaftes, stürzt aus seinem Sechsquadratmeter-Süpermarket, umkreist uns: „Euch kenne ich! Ihr seid doch die Deutschen aus Alanya. Vor Jahren habe ich euch das erste Mal im türkischen Fernsehen gesehen, dann immer wieder mal. Das deutsche ßädäfä (ZDF) hat einen Film über Deutsche in Alanya gedreht – und in der Türkei ist er immer wieder mal zu sehen. Und nun seid ihr hier bei uns hier oben in Kümbet.

Die angebotene Süßigkeit aus Karadut, schwarzen Maulbeeren muss gekostet werden. Äußerlich unterscheidet sich dieses bräunliche Produkt kaum von dem Reparaturmaterial, wie es für defekte Fahrradschläuche verwendet wird. Schmeckt aber erheblich besser. Der Friseur lässt den Eingeschäumten einfach sitzen, draußen ist es sensationeller, auch der Gemüsehändler lässt seine Salatköpfe im Stich.

Noch weit vor der vereinbarten Zeit lädt der Großhändler uns in seinen warmen Bus, wir Durchgefrorenen liefern die restlichen Kartons aus. Noch vor der Dunkelheit ist es ratsam, die verschlammte ehemalige Straße unter die Räder zu nehmen.

Friedliche zwei Pausentage in Ordu. Eine Seilbahn über 2,4 km, erst vor Wochen in Betrieb genommen. Jede Gondel trägt einen eigenen Namen, baggert Vergnügungssüchtige runde fünfhundert Meter höher. Ein Knirps schaut sehnsüchtig zu, vergisst seinen Auftrag, Papiertaschentücher zu verkaufen. Ob er gerne auch einmal mitfahren möchte? „Nur mit meinem Bruder!“ Zwei kleine Kerle gehen freudig in die Luft. Später werden sie den versäumten Papiertaschentücherumsatz nachzuholen haben; die eingenommenen Kuruş müssen das Familieneinkommen aufbessern helfen….

Abends zeigt mir ein demütiger Mensch seinen kimlik, seinen Personalausweis. Verständnislos wird er von mir abgewimmelt. Der Mensch hat Kohldampf bis unter die Achseln, diagnostiziert Luise sehr richtig und reicht der Herrin über die Fleischtöpfe einen Schein hin, sie versteht – und reicht einen halben Schein zurück, reicht so, verspricht, nicht an Nahrhaftem zu sparen. Fastenmonat Ramazan.

Iftar, Fastenbrechen nach Sonnenuntergang. Die Armen werden gespeist es gibt viele Arme hier. Mein freiwilliger Verzicht auf Alkohol während des Fastenmonats wird auch in diesem Jahr nicht konsequent durchgehalten. Wie war das noch mit dem starken Willen und dem schwachen Fleisch? Milder warmer Abend in Ordu, es stimmt einfach nicht, dass es am Schwarzen Meer nur zwei Wetter gibt – entweder es regnet – oder es wird gleich regnen. Ordu lädt zum Wiederkommen. Ordu – Dolmuş Ünye – Dolmuş Akkuş  – Dolmuş Amasya, nur eine Handbreit hinter Erbah.

Amasya – die allerschönste Stadt in der Türkei! Amasya ist das Heidelberg Anatoliens, gelegen am Yeşil Irmak, dem grünen Fluss. Das Hotel Zafır ist aus einer anderen Zeit. Hier domizilierten in den vierziger Jahren Ingenieure aus Deutschland, verantwortlich für den Bau der Bahnlinie Sivas-Amasya-Samsun.  Alte Häuser sprechen mit dir. Die Dielen erzählen knarrend, vier Meter hohe Räume, rundum vertäfelt, ein altmodischer Kamin, wunderbares Bett .

Die Romantik eines intimen Innenhofs, Ziehbrunnen, Bänke, Stiegen mit dem wunderbaren Sivasmarmor gedeckt, alles lädt zu einem milden Abend bei einer Flasche Wein ein. Nichts da! Ramazan! Die bärtigen Nachkommen Mahammads halten konsequent ihre frommen Daumen auf jedem Flaschenkorken: schlucke Wasser, Ungläubiger….

Amasya, schönste Stadt der Türkei, das Heidelberg dieses Landes!! Diese herrliche Stadt setzt längst Verschüttetes frei; es entsteht hier die Beschreibung einer parallelen Reise in das Land der Fantasie. Der „Mord in der Straßenbahn“, die es in Amasya gar nicht gibt. Sie ist eine andere Geschichte.

Auch die schönsten Aufenthalte unserer Reise von Trabzon bis nach Istanbul nehmen ein Ende, wir suchen die istacione, den Bahnhof, Fahrkarten für den Zug von hier nach Samsun am Schwarzen Meer zu erwerben. Wir sind vergnügungssüchtig genug, die 120 Kilometer in reichlichen drei Stunden schaukelnder Bahnfahrt zu genießen. Vorher jedoch fährt Mustafa, der Busfahrer uns eine und eine halbe Stunde bergauf bergab durch die Stadt. So sehen wir neue Siedlungen, den neuen großen kampüs. Auch diese Stadt verfügt inzwischen über eine eigene Universität. Erst auf dem Rückweg bittet er uns höflich, doch jeweils eine Fahrkarte zu lösen und zu entwerten. Türkische Höflichkeit – einmal wieder.

Ein letzter Erholungstopp im Innenhof des Hotels Zafır; wir haben unsere Herzen in Heidelberg, sprich Amasya, verloren. „Ich hab´dich lieb, o.k.? Ich hab´dich lieb, o.k.?Ich hab`dich lieb, o.k.?“ repetieren die Schienen – und jedes o.k. findet direkten Kontakt zur Wirbelsäule; was Mensch so alles aushält…

Samsun, Großstadt mit flair am Schwarzen Meer, Universitätsstadt, der neue kampüs liegt 18 km außerhalb der Stadt, erreichbar mit einer neuen Stadtbahn, wenige Wochen erst in Betrieb. Wir genießen die Fahrt, sehen bei der Rückkunft, dass wir eben noch mit der letzten Bahn die Stadtmitte erreichen. Das Gold-Hotel scHhaut eher aus wie Talmi, doch die Inhaber sind freundlich, die Betten hygienisch und bequem.

Samsun-Sinop – der Fahrpreis mit dieser Buslinie ist unverschämt. Die habe Ankara so angeordnet, erklärt man uns. Alles Gute für Handel und Industrie kommt aus Ankara, alles weniger Gute, alle Verzögerungen, Vertröstungen kämen – aus Istanbul. „Das kommt aus Istanbul“, Erklärung für Falschlieferungen usw., diese Aussage gehört zum Standard hierzulande.

Was der Allgewaltige alles für alle, die ihm kritiklos folgen, schon getan hat und in ferner Zukunft noch tun wird, das erklärt er im Busfernsehen allen, die ihn sehen wollen und allen, die ihn sehen müssen. Rund siebzig Prozent aller Wähler seien auf seiner Seite, tönt er. Aber alle siebzig Prozent wissen es nur noch nicht. Luise übersetzt mir die eintönige Politikerlyrik.

Sinop – wieder die gewaltigen türkischen grünen Berge und Hügel, wie der Schwarzwald, nur höher, weiter, grüner, gesäumt von Tausenden von Haselnussbäumen. Wir fahren über excellent ausgebaute Straßen – und über solche, die es noch werden wollen, für Abwechslung auf unserer Reise ist ausgiebig gesorgt.

Unentschlossen fahren und fahren wir, Ausstieg in der Universitätsstadt Kastamonu, 800 m über dem Meeresspiegel oder wieder etwas tiefer, 200 m über NN, in der Universitätsstadt Karabük.

Noch während der Fahrt zitiert Luise aus dem Reiseführer und dem Ausdruck aus dem Internet über Safranbolu, Weltkulturerbe. Von Karbük aus erwischen wir einen überfüllten Dolmuş nach Safranbolu, man arrangiert sich beim Stehen oder Sitzen, man steigt über Füße, über Gepäck, alles friedlich, Rücksicht nehmend. Es ist auszuhalten auf dem Armesünderbänklein über den Radkästen. Es ist neunzehn Uhr abends, eine dreiviertel Stunde vor iftar, dem Fastenbrechen. Fahrer und sein Dolmuş haben Ärger miteinander, das Getriebe muss es ausbaden und die Insassen auch, der Bremsfuß tritt rücksichtslos zu.

Luise diagnostiziert eine Unterzuckerung nach einem Fastentag im heißen Vehikel. Ohnehin scheint es ratsam, während der Fastenzeit so ab Nachmittag sich möglichst fernzuhalten vom Straßenverkehr.

Minuten vor der abendlichen Dämmerung erreichen wir Safranbolu, die andere Welt, welche zum Weltkulturerbe der Unesco gehört. Ein Paradies, herübergerettet aus einer anderen Zeit. Beileibe kein angehübschtes Museumsdorf, Wieder belebte alte Häuser, stilvoll restauriert, Blumen, viele alte Gemäuer, die erst noch wieder erweckt werden wollen. In einem großen alten Gemäuer hören und sehen wir Handwerker.

Sie laden ein, schaut euch an, was wir hier tun. Neue Wände aus Lehmschlag, verarbeitet wie zu alten Zeiten, reich geschnitzte Holzdecken werden fachkundig ausgebessert, verfallene Einbauschränke bleiben, werden wieder aufgearbeitet, Tischlerarbeiten vom Feinsten. Murat usta, Tischlermeister aus Passion, zeigt uns mit berechtigtem Stolz an der Tür zum Heizungsraum ein von ihm handgefertigtes hölzernes Sicherheitsschloss. Es funktioniert!

Wieder ein Abschied von einem Juwel einer alten neuen Stadt, die sich neu schmückt. Letzte Etappe Istanbul. Nein, wir haben keine Kilometer gefressen, sondern wirklich jeden einzelnen, jeden Aufenthalt, jede Sekunde in bekömmlichen Happen genossen; das muss denn ja auch mal gesagt sein. Das Schwarze Meer verabschiedet uns als grünes, goldenes, gleißendes Sonniges. Abendliches Istanbul dann mit heftigem Regen; jeder Tropfen verdampft auf der Glatze, löst gar Glücksgefühle aus. Drei Tage Istanbul.

Istanbul, Kulturhauptstadt 2010 – unser ersehntes quirliges, elektrisierendes, anregendes, aufregendes Istanbul hat heuer Hochsaison. Amtssprachen scheinen Japanisch, Englisch, seltenes Deutsch, hin und wieder auch Türkisch zu sein. Wer zu spät kommt, den bestraft die Hotelrezeption – mit Messepreisen, wie man sie nicht mal aus Hannover gewohnt ist. Luises freundliches doch sehr bestimmtes Verhandeln schmilzt Fantasieraten auf Normalniveau. In Istanbul hat man sich offenbar schon mehr als anderweitig im Lande daran gewöhnt, dass Frauen sich emanzipierten.

Birce, vollbusige fröhliche Zimmerfee, blinzelt uns am nächsten Morgen vertraulich zu: kommt mal mit, eine Etage höher gibt es ein richtiges Zimmer für euch, mit einem richtigen Bad. Zwei Frauen umarmen sich, an einer hängt ein Ehemann, der von diesem unverhofften upgrading profitiert, wieder einmal.

Während des Fastenmonats ist die Sultan-Ahmet-Moschee für Ungläubige tabu. Aber sie wird auch noch im späten Herbst da sein – und dann sind auch wir wieder da. Inschallah!

Zwei Polizisten auf segwayähnlichen Stehvehikeln. Mit dicken fetten geländegängigen Reifen versehen, flitzen sie elektrisch angetrieben auf ihren Plafonds gekonnt durch die Menschenmenge, laden mich ein eine Runde mitzufahren. Eins zwei drei im Sauseschritt, saust die Obrigkeit, ich sause mit, Glücksgefühl pur. Blaulicht? Aber gerne doch: es erstrahlt rundum mit Led-Leuchten. Rotlicht? Auch. Sirene? Ein Knopfdruck – die Menschen retirieren, wir von der Polizei haben freie Fahrt! Herzliche Verabschiedung.

Zur delikaten Fischsuppe beim Chinesen erfahren wir von Lokman, dem sehr informierten Kellner, was der kleine Mann auf der Straße, dem man es von seitens der Politik nur nicht richtig erklärt hat:

„Für die Menschen in der Türkei ist der Zug nach Europa endgültig abgefahren. Seit Jahren ändern, reformieren wir, machen riesige Fortschritte. Ihr Europäer aber, allen voran eure Politiker haben unseren Elan, unseren guten Willen, unseren Elan ausgebremst. Wir Türken sind immer moderner ausgerüstet, den wirtschaftlichen und kulturellen Olymp zu erklimmen. Wir schließen rasch zu den USA und zu China auf.

Bei hat sich die wirtschaftliche und die politische Situation verschlechtert – und wir Türken denken gar nicht daran, die Zahlmeister für ein marodes Deutschland zu werden. Und schon überhaupt nicht für Nationen, die sich in euren Euro hingelogen haben. Die nicht vorhandene Freundschaft zwischen Türken und Griechen – und die sind gemeint – ist historisch.

Im Islam gibt es keine alkoholisierten Menschen auf den Straßen. Eure christlichen Kirchen tolerieren den Suff in der Öffentlichkeit. Oder sie sind schwach und korrupt geworden. Weil der Staat nicht nur die Kassen der Kirchen mit Steuern füllt sondern sie darüber hinaus auch noch üppig alimentiert. Ende des Zitats von Lokman.

In einer wenig belebten Straße hinter dem Bahnhof Sirkeci geben wir beiden uns einen herzhaften Kuss, Glück pur. Nur Zentimeter neben uns dreht ein LKW-Fahrer die Scheibe hinunter, wünscht eine fröhliche Verrichtung. Wir beenden unsere Aktion, mit beiden Händen winkt er uns hinterher.

Ach, über „unser“ Istanbul wäre noch sooo viel zu erzählen – Ende einer weiteren Reise – und die Vorfreude auf eine nächste – in Trabzon war zum Beispiel ein Aushang, dass es Linienbusse nach Batum gibt. Batum ist eine große Stadt am Schwarzen Meer – in Georgien – Hauptstadt Tiflis…. Da Fernsehen bildet, sahen wir zu allem Überfluss, gedeiht doch dort an den Hängen eine Traube, die sich im besten Wein der Welt wiederfindet, der vor Ort zu probieren wäre…

Peter Hockenholz im September 2011

Schwein gehabt – die Geschichte meiner großen Sauerei – in 4 Teilen



Schwein gehabt – die Geschichte einer großen Sauerei

Es war einmal vor vielen Jahren. Die Zeit der Jugend lange hinter mir. Meine Familie, mein Haus, mein Beruf, meine Freuden und Sorgen. Und  – ein neues Familienmitglied: Frau Mathilde Wutzke.

Wutzkes Mathilde war ein rosiges appetitliches Ferkelchen, geboren in der Großfamilie einer Ferkelfabrik in der Nähe von Hildesheim. Beim Besuch eines Kunden kam die groteske Idee, dass sich in dem großen Garten vor den Toren Hannovers ein Schweinchen für Leben sorgen könnte. Denn dieser große Garten liegt im Gewerbegebiet im Speckgürtel Hannovers, wie passend für den schweinischen Zuwachs.

Nur wenige Tage später stand mein Kunde vor der Haustür, eben dieses rosige Ferkelchen unterm Arm, nichts vorbereitet, natürlich. Bezahlt, gestreichelt, ab mit dir in den Garten, wo es sich gar nützlich betätigte – Grabegabel und Spaten schienen ab sofort überflüssig. Das kleine Vieh arbeitete sich etwas unstrukturiert quer durchs Gelände. Mit dem Rüsselchen bis zum Erdmittelpunkt zu graben schien überhaupt kein Problem. Es muss einen hohen Intelligenzquotienten in den Genen haben und das war gar nicht zu erwarten bei einem Fabrikschwein.

Ein stabiler Wildzaun trennt alsbald Wühlgarten für Schwein und den kleinen Rest Nutzgarten, den mit dem Teich und den Rosen. Teddybären, Puppen, Spielsachen der Töchter lagen alsbald beiseite, Schmusen mit Ferkelkind war der hit. Wie viel heimliches Maulen über den miesen Vater und die konsequente Mutter ist wohl in den großen Ohren des kleinen Vierbeiners verblieben. Jedes halbwegs brauchbare Salatblatt wurde tapfer auch bei kaltem Wetter in Schweinchens Gehege verbracht.

Durch solcherlei Zuwendung einer Vierkopffamilie plus Hund gedieh das Ferkelein

zu einem Ferkel, zu einer wohlgeformten Sau. Futter gab es reichlich, das Tier erhielt den Namen Frau Wutzke, Vorname Mathilde. Der Hund spielte mit ihr, sie mit ihm im gewordenen Sommer den lieben langen Tag. Man beschnupperte sich ausführlich und gründlich – Schweinchensteckdose contra kalter Hundeschnauze.

Überhaupt der Hund! Rex, junger Mittelschnauzer aus dem Tierheim, wach, intelligent. Schultäglich ging er alleine und ohne Leine selbständig zur Schule, die Töchter abzuholen und nach Hause zu geleiten. Sorgsam setzte er sich an Straßenkreuzungen hin, schaute erst links, dann rechts – und achtete darauf, dass Stefanie und Christine es ihm nachmachten. Wir konnten da ganz unbesorgt sein.

Aber ein Hund ist ja auch nur ein Mensch und reagiert wie ein Mensch, nur gelenkiger. Die Witterung einer läufigen Hündin ließ ihn mühelos einen über zwei Meter hohen Holzzaun springen und es ihr besorgen….

Ein Unwetter brach nicht über Rex, sondern über Frauchen und Herrchen herein. Lautstark machte das Oberlehrerehepaar uns klar, was alles nunmehr mit uns geschehen werde. Der liebsten Ehefrau kühler Kommentar: Peter, hörst du im Hintergrund das geile Gefiepe der Hündin? Mordlust glitzerte in den Augen des beamteten Ehepaares. Der Stuss ging weiter ohne uns, mit der Versicherung.

Aber es geht doch um die Schweine, also zurück zum Thema.

Mathilden, aus Generationen von Fabrikschweinen der Sonne entwöhnt, bekam Sonnenbrand auf Nase und vor allem auf den riesig gewordenen Ohren. Töchterchen kaufte vom Taschengeld eine Riesenflasche Sonnenschutzlotion. Ob es dieses Produkt, häufig und reichlich eingeschmiert, war oder Töchterchens tröstende Worte, wer weiß das schon so genau.

Aus der schlanken ranken jungen Frau Mathilde Wutzke wurde ein formidables riesiges superschweres großes Schwein, das sich nur noch schwerfällig bewegte.

Das aber lag in den angezüchteten Eigenschaften begründet – schnell zeugen, schnell mästen, rasch vermarkten,  sich schnell rentieren.

Es war, wie es kommen musste: die Kinder waren nicht da, Frau Wutzke wurde vom befreundeten Landschlachter abgeholt und kehrte zurück; in Dosen, in Därmen in Schinken aus dem Buchenrauch. Der Schlachter wurde mit Naturalien entlohnt, aber es kam immer noch mehr zurück, als die Familie zu verzehren vermochte. So futterten Freunde, Bekannte, Nachbarn, die von der guten Sorte, kräftig mit und gedachten andächtig kauend der Mathilde Wutzke.

Die Töchter schimpften gar sehr mit Vatern, nicht ein Fitzelchen davon würden sie

essen. Nur wenig später konnten die Beiden dann aber doch nicht widerstehen. Lediglich die lockeren Sprüche der Alten störten. Die rhetorischen Fragen, ob man sich gerade an Mathildens rechter oder linker Pobacke delektiere. Richtig sauer auf den Alten war die Große, als sie die Aufschrift auf den Dosen sah: „Schwein gehabt“.

Einmal ein Schwein, immer ein Schwein! Alte Volksweisheit. Es dauerte nicht lange…. dann…. aber das ist eine Fortsetzung.

Peter Hockenholz

15.03.2011