Strikte Alkoholgesetze: Ein Fluch für türkische Winzer


Strikte Alkoholgesetze: Ein Fluch für türkische Winzer

Seit kurzem ist in der Türkei eine strikte Alkohol-Gesetzgebung für den Verkauf und die Bewerbung von Alkoholprodukten in Kraft. Das Regelwerk ruft nicht nur türkische Brauereien auf den Plan. Auch junge Winzer sind besorgt. Wie sollen sie unter diesen Umständen ihre Produkte vermarkten und so ihren Unternehmenserfolg sichern?

Weinbau spielt in der Türkei bisher eine eher untergeordnete Rolle. Es gibt nur rund 100, meist sehr kleine Betriebe. Dennoch wagen einige, ambitionierte junge Winzer den Sprung ins kalte Wasser. Noch. Denn die Sorgen sind groß, aufgrund der neuen Alkohol-Gesetzgebung, keinen Fuß auf den Boden zu bekommen.

Zu den aufstrebenden Betrieben der Türkei gehört Nif Vineyards, in den Hügeln von Izmir, an der türkischen Ägäisküste. Geführt wird das Unternehmen von einer jungen Dame namens Gaye Ozcan. Im Jahr 2013 sollen die ersten Erzeugnisse auf den Markt kommen. Doch schon jetzt sind die Sorgen groß. Schuld ist die neue Alkohol-Gesetzgebung des Landes, die die Bewerbung von Alkoholika verbietet.

Keine Weinproben, keine Werbung, keine Prospekte

„Natürlich habe ich viele Verkostungen und Veranstaltungen geplant, um in Kontakt mit meinem potenziellen Verbraucher zu kommen“, zitiert das Portal Pri die 27-Jährige. Das Werbe-Verbot ist ein schwerer Schlag für ihr angehendes Business. Dabei hat die junge Frau bereits viel Arbeit in ihren Winzerbetrieb investiert. Seit zehn Jahren ist sie gemeinsam mit ihrem Vater dabei, die Kellerei aufzubauen. Nach einem Studium der Agrartechnik ging sie sogar in die USA, um in San Francisco ihren Master in Önologie zu erlangen.

Dort, in den fernen USA, wurde die junge Frau nicht nur einmal mit der Frage konfrontiert, ob die Weinherstellung in einem muslimischen Land wie der Türkei überhaupt Sinn machen würde. Der Umstand Muslimin und Winzerin in einem liberalen Land zu sein, war für sie jedoch nie ein Widerspruch. Bis jetzt. „Heute finde ich es schwer, mein Land auf die gleiche Weise zu verteidigen wie ich es noch vor ein paar Jahren getan habe“, so Gaye Ozcan.

Mittlerweile hat ihr Team hunderte Flaschen des diesjährigen Jahrgangs der Nif Weine gekeltert. Dank der neuen Gesetze ist sie nun unter Zugzwang. Kontakte innerhalb der Weinwirtschaft zu knüpfen ist für die junge Frau kein Problem, wohl aber unter diesen Umständen Kontakt zu potentiellen Kunden zu bekommen. Nicht einmal ein einladend dekoriertes Schaufenster zum Thema Wein ist erlaubt.

Strafen bis zu 250.000 Dollar

Doch: Gerade beim Wein geht es darum, eine Marke aufzubauen. Nur so können sich die kleinen Winzer von der Konkurrenz abheben. Ozcan ist jedoch überzeugt: Die türkischen Gesetze binden ihr nun vollständig die Hände, um aus der Masse hervorzustechen. „Ich kann die Leute meinen Wein nicht probieren lassen, damit sie erkennen, wie er sich von den anderen unterscheidet. Ich kann auch nicht darüber sprechen oder Prospekte verteilen. Ich kann die Weine noch nicht einmal auf meiner Webseite präsentieren. Noch nicht einmal Weinproben sind drin“, so die junge Frau. Hält sie sich nicht daran, drohen Strafen zwischen 2500 und 250.000 Dollar.

Mit ihren Sorgen ist die junge Winzerin nicht allein. Auch einschlägige Lifestyle-Publikationen sind betroffen. Die Werbeeinnahmen brechen weg und auch die Themen. Die Redaktionen setzen den Rotstift an oder müssen Kolumnen, die sich etwa mit Wein beschäftigen, ganz sein lassen. Wie derweil große Brauereien des Landes reagiert haben, ist hinlänglich bekannt. Ganze Festivals wurden abgesagt.

Es bleibt nur der Export

Der türkische Premier Recep Tayyip Erdoğan sieht sich aufgrund des Anti-Alkohol-Gesetzes jedoch zu Unrecht kritisiert. Das sei kein Eingriff in die Lebensweise und Privatsphäre. Er argumentiert vielmehr mit der Gesundheit seiner Bürger (mehr hier). Nachvollziehen kann Gaye Ozcan das nicht. Ihrer Ansicht nach gebe es eine Menge Dinge, die die Gesundheit schädigen. Diese seien im Islam allerdings nicht verboten. Ihrer Ansicht nach sei alles eine Frage des richtigen Maßes. Ginge es hier wirklich um die Gesundheit müsste auch gegen Fast Food entsprechend vorgegangen werden. Das sei aber nicht der Fall. Für sie bleibt in der jetzigen Situation nur ein Ausweg: Sie muss ihren Absatzmarkt im Ausland finden. Und das sei vielleicht nicht das Schlechteste.

Seit Mitte September dürfen im Umkreis von 100 Metern um Gebetsstätten und Schulen herum gar keine Alkoholika mehr verkauft werden. Zwischen zehn und sechs Uhr morgens herrscht ein absolutes Verkaufsverbot für den Einzelhandel. Letztere müssen Logos und Werbeschilder für alkoholische Getränke entfernen. Ein Sponsoring von Großveranstaltungen ist für Alkoholhersteller ebenfalls nicht mehr möglich.

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