Mein Persien – Erinnerungen 6. Teil


Der Iran besteht nicht nur aus dem Moloch Teheran. Aziz´ Familienclan lebt in Boudjnourd. Für viele Tage überkommt mich die Reiselust – Isfahan, Shiraz, Persepolis, die heilige Stadt Mashad und der Besuch beim Propheten und und und…..

…. früh morgens noch vor Tag und Tau wieder Aziz` schwarze haarige Hand an meiner Schulter. Aufwachen Langschläfer. Pättärr, heute fahren wir nach Boudjnourd. Meine Familie will dich wieder sehen und ich will meine Familie wieder sehen. Die iranische Mittelstadt, mir noch allerbestens bekannt vom ersten Besuch in diesem interessanten Land. Und Aziz`Familie. Der engere Kreis besteht aus Mutter, Aiziz, dem Erstgeborenen und seinen sieben Geschwistern. Sein Vater ist inzwischen verstorben, er ist mir in bester Erinnerung, dieser lebensfrohe Türke, Mutter Kurdin, die ganze Familie Iraner. Die Kinder wuchsen in drei Sprachen auf: Türkisch, Kurdisch und der Landessprache Farsi.

Das Land Iran ein Jahr nach der Revolution ist ein Jahr später noch keineswegs befriedet. Die überaus leckeren ungewohnten Mahlzeiten erzeugen ein dringendes menschliches Rühren. Tiefe Dämmerung auf der rund achthundert Kilometer langen Straße quer durch den Iran. Aziz halte bitte an – kann ich hier nicht – zu gefährlich – aha! Aber wenn du nicht sofort stoppst, dann geschieht ein Unglück hier in deinem Auto – Pättärr, ich halte an aber lass dich nicht mehr als zwei Meter entfernt vom Auto nieder – Aziz, lass den Scheinwerfer aus – nein geht – aber ich will nicht im Rampenlicht – aber mach ganz ganz schnell – mein Freund kennt sein Land, hat mehr Angst als der Deutsche. Alles ging gut.

Boudjnourd – ein herzlicher überschwänglicher Empfang – ich kriege noch aus dem Kopf die Namen seiner Geschwister zusammen – Aziz, seine Schwestern Mehri, Ruhi, Fariba, seine Brüder Shokor, Beruz, Mehrdat, Bezat. Heute leben sie in aller Herren Länder, Aziz als autoritärer Vaterersatz hat sie dazu bewegt. Mehri und ihren Mann Mahmut und den Sohn trafen wir im letzten Jahr in einem Luxushotel in Antalya. Der Sohn, ich kenne ihn als kleinen Kerl, heute ist er ein gestandener Mann, und seine Frau verabschieden sich, wandern nach Neuseeland aus. Keine Möge mehr im mullahregierten Iran.

Mindestens fünf gefühlte Kilo werde ich zunehmen in Boudjnourd. Man steckt es mir vorne und hinten hinein! Hinten Berge von Kissen, damit dieser Deutsche auch vernünftig sitzen kann – und vorne die leckersten Spezialitäten dieses einst so gesegneten Landes. Volles Programm – anderntags mit einer kleinen Abordnung seiner Unzahl von Onkels, es geht auf die Jagd. Die silberziselierte Flinte eines seiner Onkel imponiert. Es geht im Eiltempo die kahlen steinigen Berge hinauf.

Ich keuche mühselig mit den behenden Jägermeistern bergan. Hast du Durst, ein anderer Onkel bückt sich und steckt mir ein paar dürre Blätter in den Mund; der Durst ist weg. Später halte ich ein chuk, ein junges Wildschwein, auf den Armen. Nur noch kurz wird es leben… Schweine isst man hierzulande nicht. Der Prophet, oder wer auch immer, habe das verboten. Man jagt sie, um sie zu töten. Eine andere Kultur.

Des Abends großer Empfang – runde dreihundert von Aziz üppiger Verwandschaft wollen den Deutschen wieder begrüßen. Man singt, tanzt, die Musik übt eine starke Wirkung aus, dem bekennenden Tanzmuffel zuckt es in den Beinen, er tanzt lange und hingerissen mit, bis zur völligen Erschöpfung.  Pättärr, willst du einen Schnaps, dann komm mit! Aber lass dir nichts anmerken, denn sonst wollen alle einen – und so viel habe ich nicht… Auf Teufel komm raus wird in diesem, von der Muilahkratie bedrängten Lande Alkohol schwarz gebrannt – aus Feigen, Rosinen, Aprikosen, allen Früchten, die sich zum Gären bringen lassen.

Pättärr, am nächsten Morgen fahren wir nach Maschhad, der heiligen Stadt. Musst du erleben.

Maschhad (eingedeutscht auch Mashad oder Masched, an englischer Aussprache angelehnt auch Meschhed persisch ‏مشهد‎ /mæʃˈhæd/) ist die Hauptstadt des iranischen Bundesstaates Razavi-Chorasan und die zweitgrößte StadtIrans. Sie liegt 850 km östlich von Teheran auf einer Höhe von rund 985 m am Fluss Kashaf.

Maschhad gilt als eine der sieben heiligen Stätten des schiitischen Islams, weil dort die heilige Gouharschad-Moschee liegt. Die Stadt ist ein politisches und religiöses Zentrum; jährlich besuchen sie mehr als 100.000 schiitische Pilger. Die besondere religiöse Bedeutung Maschhads für den Iran ergibt sich aus der Tatsache, dass der hier beerdigte (achte) Imam Reza der einzige der zwölf schiitischen Imame ist, dessen Grabmal sich auf iranischem Boden befindet. – Wikipedia

Unser Imam Reza hat Geburtstag, dann besuchen wir ihn immer. Du wirst den Heiligen auch besuchen, hier ist eine schwarze Hose und ein schwarzes Hemd, deine Brille gibst du mir, deine Geldbörse auch – und vor allem deine Papiere! Nanu? Mach ausnahmsweise ein demütiges Gesicht, schau auf den Boden. Wenn dich die überall wachende Tempelpolizei erwischt, dann kriegst du fünfzig Hiebe mit der Peitsche übergezogen, tolle Aussichten, die Neugier überwiegt.

Und vergiss nicht, den silbergeschlagenen Sarkophag zu küssen. Aziz gehst du nicht mit? Nö,ich kenne meinen Heiligen doch, ich warte. Links werden tausende Frauen an Herrn Imam Reza vorbei gepresst, rechts die Kerle. Der Sauerstoff wird wohl zugeteilt, in der drangvollen Enge fummelt mir ein Langfinger in den Taschen, ich kann mich nicht einmal umdrehen. Die Behausung des Heiligen küsse ich nicht, da haben sicher schon Millionen Gläubige dran gesabbelt – ich verzichte – wohl auch auf eine Ansteckung.

Oh, wie wahnsinnig gut frische Luft sich auswirkt. Pättärr, siehst ganz blass aus, braucht du einen Arzt? Arzt nicht nötig, ich brauche – einen Schnaps. Mein Freund, der Arzt, der hat einen für dich….

Gleich hinter Imam Rezas Moschee ist die Hölle los. Tausende gläubiger Männer mit freiem Oberkörper klatsch sich im Takt mitgeführter Lautsprecher im Takt die nackten Rücken – das Blut fließt in Strömen. Die Suggestion ist zwingend. Ich, der ich mich auf Grund frühester Erfahrungen in der Zone von allen Massenveranstaltungen fern halte, fühle mich immer näher angezogen, wenn ich eine Geißel gehabt hätte, ich weiß nicht…. Es reißt dich einfach mit, da ist der Kopf ausgeschaltet. Aziz reißt mich mit sich fort, erlöst mich.

Auf der Rückfahrt einige Tage später mitten in Teheran hält Aziz an, warte, kommt wieder – mit einer angebufften Emailleschüssel, hier halt sie. Meine Aufgabe ist es, das Ganze so zu balancieren, dass es während der Fahrt nicht überschwappt. Aus der warmen Brühe glotzen mich zwei milchige Augen aus einem Schafskopf an.

„Pättärr“, du musst essen Schaffenkopf. Zuerst musst du die Augen essen. Du brauchen Kraaafft für Frau, wenn Du wieder in Hannover bist….“

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