Wahlzettel nachgezählt


In unserem Dorf ist die Welt weit entfernt von jeglichem Ungemach. So ab dreiundzwanzig Uhr gehen nach und nach die Lichter der Nachbarn auf dem Hügel gegenüber aus. Die Hunde stellen ihre Konferenzschaltungen ein, die Hühner haben längst die Köpfe unterm Geflügel. Keine Zicke meckert mehr herum.

Nur einem wuchs die nächtliche Arbeit über den Kopf! Hunderte, tausende Wahlurnen, Schuhkartons und andere Behältnisse schütten tausende Stimmzettel über mein Bettchen. Eine Stimme aus dem Off: zähl du doch nach, Schlaumeier, wenn du meinst, dass wir uns verzählt oder verrechnet – oder gar manipuliert haben sollen.

Ich zähle, zähle, addiere, komme gegen die Masse nicht mehr an. Richte mich auf, zähle im Sitzen weiter, werde immer hektischer, verzähle mich, beginne wieder neu. Die Stimme aus dem Off höhnt: Ulbrichts Walter einstens erklärte schon: niemand will eine Mauer bauen! Und wir erklären: niemand hat jemals einen Wahlzettel falsch gezählt, manipuliert oder gar gefälscht. Klar?

Der Blutzucker war im Tiefparterre angelangt. Langsam stieg er wieder auf in die bel Etage. Ende der Vermutungen über Unregelmäßigkeiten bei den Wahlen in unserer Wahlheimat Türkei.

Unbekannte Saubermänner hatten zwischenzeitlich die – natürlich nicht gefälschten – Wahlunterlagen von meinem Bett wieder entfernt. Vermutlich nicht nachgezählt. War ja wohl auch wirklich nicht nötig….

 

 

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