Frau Fried fragt sich … was an Gutmenschen schlecht sein soll


Lieber Herr Hockenholz,

vielen lieben Dank für Ihre Anfrage und das damit verbundene Interesse an Cicero. Nach Rücksprache mit Frau Amelie Fried kann ich Ihnen mitteilen, dass Sie gegen eine Veröffentlichung ihres Artikels auf Ihrem Blog nichts einzuwenden hat. Wenn Sie aber bitte eine Quellenangabe zu dem Artikel hinzufügen, wäre dies im Interesse aller.

Vielen herzlichen Dank und beste Grüße

Sonja Vinco Redaktionsassistenz Cicero – Magazin für politische Kultur

Frau Fried fragt sich….

….. was an Gutmenschen schlecht sein soll

Endlich habe ich es schriftlich: Ich bin ein Gutmensch. Soll heißen jemand, der naiv genug ist, sich nicht mit der Realität abzufinden. Damit zum Beispiel, dass der Gemeinderat meines Heimatdorfs beschlossen hatte, sich nicht von der Ehrenbürgerwürde für Hindenburg und Hitler zu distanzieren. Vom skuprellosen Kriegstreiber und Totengräber der Demokratie wowie vom schlimmsten Massenmörder Menschheitsgeschichte. Offenbar wird erwartet, dass man eine solche Meldung liest, die Zeitung zusammenfaltet und zur Tagesordnung übergeht. Weil mein Mann und ich es wagten, auf die Ungeheuerlichkeit dieses Vorgangs öffentlich hinzuweisen, werden wir in Schmähbriefen aller Art als Wichtigtuer, unerwünschte Fremde und (nicht zum ersten Mal) als Gutmenschen beschimpft – ein zynischer CBegriff, der aber weiter Karriere macht.

In perfider Verdrehung werden damit diejenigen diffamiert, die sich auch mal für etwas anderes einsetzen als ihr persönliches Wohl, seien es die Grundwerte unserer Demokratie, eine menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen oder mehr soziale Gerechtigkeit. Sie werden gern als hoffnungslose Romantiker hingestellt, die leicer nichtd begriffen haben, dass der Markt sowieso alles regelt, dass gesellschaftliches Engagement Wichtigtuerei ist und Menschenrechte sowieso ein Luxus, der nur das Wirtschaftswachstum bremst.

Obwohl wahrscheinlich einst die Nazis den Begriff erfunden haben, um die Gegner der Euthanasie um Graf von Galen verächtlich zu machen, wirsd der Gutmensch bis heute hemmungslos als Waffe im politischen Kampf eingesetzt, und zwar meist von den Bequemen, die vom Fernsehsessel aus stänkern und sich in satter Selbstgerechtigkeit über jene erheben, die sich fürs Gemeinwohl stark machen. Cool ist, wem Ungerechtigkeit wurst ist, wer ungerührt zusehen kann, wie Menschen leiden und unsere Werte den Bach runtergehen. Noch cooler istd es, auf diejendigen einhzuschlagen die sich dagegen wehren.

Ich habe beschlossen, den Titel Gutmensch als Auszeichnung zu betrachten. Nicht, weil ich mich für einen guten Menschen  halte, weiß Gott nicht. Aber lieber lasse ich mich als naive, bescheuerte Sozialromantikerin belächeln, als zur Zynikerin zu werden.

Amelie Fried ist Fernsehmoderatorin und Bestsellerautorin. Für Cicero schreibt sie über Männern, Frauen und was das Leben sonst noch an Fragen aufwirft.

Aus Cicero Augabe April 2014

 

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