Ein neues Kapital Wahlheimat – Ägäis 02.-08.05.2014


Mitternacht eben vorüber – noch siebenhundert Meilen bis Buffalo. Was hier in der Wahlheimat Izmir heißt. Wir goutieren einen dieser Luxusbusse, die seit langem Standard sind in der Türkei. Nicht vergleichbar mit den Seelenverkäufern vor zwanzig Jahren. Viele von denen grüßten als rostige Ruinen aus tiefen Abgründen, hinauf zu den mutigen Trotzdemreisenden. Passiert die von uns immer wieder persiflierte Stadt Korkuteli, unseren running gag. Passiert auf der Umgehung dieser Scheußlichkeit, von der wir vermuten, dass sie extra für uns geplant und gebaut wurde. Wir fressen Kilometer und muffige Antalyabusbahnhofshaselnüsse.

Für diese Reise ist unser Ziel das Dreiländereck Türkei- Yunanistan = Griechenland und Bulgaristan, genauer dort die Stadt Edirne. „Meine lieben Eltern in Alanya“ – unser Nennsohn Aykut Haldan. Früher an der fakülte Alanya als Deutschdozent, seit Jahren lehrt er die deutsche Sprache an der Thrakia-Universität Edirne. In Alanya haben wir einige Jahre lang den Studentinnen und Studenten die deutsche Sprache näherzubringen versucht.

Mit einigen Übungen und Verrenkungen schläfst du auch im Bus. Aber die Beine danken es dir, darfst du endlich endlich endlich endlich in Izmir wieder festen Boden betreten. Angeregt kehren die Lebensgeister wieder zurück – durch einige Tassen Busbahnhofsscheußlichtee, frische Zimmet – und eine temperamentvolle Diskussion mit dem Busbahnhofskellner; Nachhilfe für allzu üppige Selbstbedienung am Touristen. Lockeres Grinsen, natürlich habe ich einige Lire für mich draufgeschlagen….

Der Reiseführer rät, gleich weiter zu reisen nach Bergama. Da sind wir. In Bergama, morgen ist Pergamon geplant. Luise rang mir ab, gemeinsam mit ihr ausführlich tote Steine gucken zu gehen und zu horchen, ob sie vielleicht mit uns sprechen wollen. . Aber heute Bergama. Dieses reizende Städtchen am Fuße Pergamons besteht nur aus Stufen. Stufen, Stufen, Stufen – hinauf bis an die Wolkengrenze, Bis hinauf zu den Göttern. Da oben ist eure Pension…..

Diese Türken sind allesamt hilfsbereit. Ihr müsst die gefühlten tausend Stufen hinauf. Natürlich mit Gepäck. Klöter klöter klötern die Rollis hinter uns. Streik meinerseits auf dem halben Höhenweg. Ein Türke: was wollt ihr denn hier oben? So weit hinauf hat es nicht einmal Atatürk geschafft. Seine Straße ist – natürlich – ganz unten – und da ist auch eure Pension. Bei Türkens gilt es eben als ziemlich unhöflich, zuzugeben, dass sie von irgend etwas keine Ahnung haben. Eigentlich sollten wir wissen, dass die Türkei nicht Berlin ist – weeß icke doch nich, wo se hinwolln…..

Immerhin hatten wir schon mal ein Traumblick auf Pergamon und das Städtchen Bergama. Der wüste Gobi, Inhaber der gesuchten Pension Gobi ist ein kleiner sanfter und hilfsbereiter Weiser. In seinem freundlichen Haus verschlafen wir den halben Tag. Nun hat Bergama die Chance, dass wir einander kennen lernen.

Bergama – Historie an jeder Ecke, unter jedem Stein. Bergama hat gerufen, wir riefen zurück, können nicht aufhören zu schauen. Freundliche Menschen – und ein Käse, ein Käse, dieser Bergama-Käse! Mustafas Sezginers Käseempfehlungen, es war ein Schlemmen direkt aus dem Papier. Völlig selbstlos biete ich dem Herrscher über den besten Käse der Welt, eine Nacht über sein käsiges Reich zu wachen. Abgelehnt.

Vor gefühlten Jahrzehnten habe ich in Malatrya hoch oben im Taurus dieses Angebot einem Händler getrockneter Aprikosen gemacht. Abgelehnt, der Schuft lehnte das auch ab.

Am zweiten Tag, den 05.05.2014, Assos – wir grüßen aus dem totalen Nirvana. Umstieg in einem Kaff namens Kücükkuye = kleines Schaf. Nomen est omen…. Das Taxi lädt uns zügig ab, das Gepäck folgt ebenso zügig – wirft mit den Hinterreifen Steine in die Luft – und macht, dass es fortkommt. Wir sehen uns der totalen Ruhe ausgeliefert, die Lyrik des aktuellen Reiseführers. Reinliche rein weiß gekalkte Touristenintensivhaltung – nur für uns, die Einzigen hier.

Beim ersten Inspektionsgang durch diese Einöde in den Bergen hunderte Blicke hunderter Frauen, welche Gehäkeltes, Gesticktes, Genähtes anbieten, in den Landesfarben bläulich, rosé, gelblich, gräulich, grünlich – Enttäuschung auf Seiten der Anbieterinnen. In einem Dauerschlaf verschlafen wir aufkommenden Frust. Nette freundliche junge Menschen, die uns mit Adaçay verwöhnen. Die Anbieter verschwanden zur Dämmerstunde. Fiel mir vor einer Stunde noch ein, Yeaths, den Iren lässig zu zitieren: Reiter, kommst du nach Assos, halt an, verweile kurz, spuck aus – und reite weiter. Wir fragen nach der Rückreisemöglichkeit. Tja, so die Auskunft, es sei ja noch keine Saison. Eigentlich kommt morgens ein Dolmuş, ober er aber über Ayvaçık oder aber über Ayvalık oder aber überhaupt nicht kommt – Inshallah!

Das Vehikel kam, ihr habt gerade fünf Minuten bis zur Abfahrt. Aufbruch. In der rechten Backentasche das zusammengeknautschte ekmek, in der linken das noch warme Frühstücksei – wir fahren, fahren fahren. Wohin? Nach Ayvalık. reizendes Städtlein am Wasser. Der Reiseführer empfiehlt die Pension Bonjour, eine Bleibe in der Residenz des  Botschafters des Sultans in Frankreich. Seine Excellenz, der Botschafter kam irgendwie abhanden, sein Sultan und  das Osmanische Reich ebenxfalls. Die Residenz ist erhalten, aber wo nur?

Das seit Jahren gewohnte mindestens vierteldutzenffache Hilfsangebot der Türken. Vier Türken, vier Himmelsrichtungen – und ein jeglicher hat es laut  und wichtig und recht. Ratlosigkeit, als meine Eheliebste den Stadtplan im Reiseführer präsentiert. Da ging es so richtig orientalisch zu. Ihr seid hier an der Camı, der Moschee. Aber die Moschee ist doch da hinten, nein nein, nein, die ist hier. Hier ist aber nur der Hafen. Egal. Hier ist jetzt mal einfach die Moschee. Da müsst ihr mal. Wir schütteln die allzu Hilfsbereiten ab – und finden unser Ziel, indem wir die Moschee wieder an ihren angestammten Platz rückten und den Hafen beließen, wo er zu Hause ist..

Madame Hatice empfängt stilvoll in der einst repräsentativen Residenz, heute Pension Bonjour. Das best erhaltene Interieur atmet den Stil gehobenen Daseins aus jeder Ecke. Selbst die Armaturen in sanitären Badesaions sind messingen noch aus alter Zeit. Das Frühstück am nächsten Morgen: magnifique! Monsieur Hatice, weißhaarig distinguiert, führt uns persönlich zum Bushalt. Bon voyage Monsieurdame! Au revoir….

Über Pergamon, mit seiner Akropolis hoch über Bergama gelegen. Oh, die Götter wussten schon, weshalb sie die Notabeln ihrer Zeit bewegten, hier oben einfach göttlich siedeln zu lassen. Viele sehr gute Erläuterungen auch in deutscher Sprache. Auch die Steinfragmente beginnen zu sprechen. Sie lassen das Leben in Pergamon lebendig werden. Der kleine Mensch aus dem Volk steht und staunt – und lauscht. Und denkt daran, das zum Beispiel Hygiea unsterblich geworden in der Medizin. Das der geklaute Altar des Gottvater Zeus´ als Beute bis in diese Tage hinein auf einer Insel in Berlin gegen Geld zu sehen ist….

Nun teilen andere Götter, und ganz gewiss nicht die Besten, die Welt und ihre Menschen und ihre Ressourcen unter sich auf, zu eigenem Nutz und Frommen.

Weiter geht unsere Reise nach Canakkale. Lebendig, studentisch, der Verkehr braust ungehindert auch durch kleinste Gassen, unsere Zehen bleiben unversehrt. Canakkale, der Nerv der Erinnerung für jeden Türken. Im nächsten Jahr ist es hundert Jahre her, dass die Türkei Engländer, Aussies, Neuseeländer in einem Stellungskrieg zurückgeschlagen. haben. Schlacht bei den Dardanellen. In Canakkale steht noch eine zerschossene Kanone. Das türkische Selbstbewusstsein lebt von dieser Schlacht, bei der es schlicht um die Existenz der Nation gegangen ist. Nachdenklich bei den Reisenden aus Deutschland – und Verständnis für die Heroisierung. Großaufnahmen tapferer Krieger.

Es sei ja der letzte Gentlemankrieg der Geschichte gewesen. Respekt vor dem Gegner, dem Feind. Gestatten, verehrter Herr Feind, ich muss sie jetzt leider umbringen, sorry….. Hier würgt es den bekennenden Pazifisten.

Überall in Canakkale Hinweise auf die Fähre nach Istanbul. Aber die gibt es gar nicht, es gibt nur eine Fähre auf die andere Seite der Dardanellen, auf die kriegerische, die blutige. Auf die Seite, auf welcher sich Menschen zuhauf schlachten lassen mussten. Für was? Für wen? Für wen denn nur??

Per Fähre also von Canakkale nach Gelibolu. Am Kriegsmuseum dankt der Vater der Türken allen Gefallenen und deren Müttern. Die „Johnnys“ wie die „Mehmets“, allesamt seien sie willkommen in türkischer Erde. Gerade rekrutiert man in Gelibolu eine neue Generation, die vierte nach dem historischen Krieg, zum Dienst an der Waffe. Mit einer Pauke und einem Blasinstrument. Das misstönende Ding klang, als ob der Bläser mit den elastischen Beinen eine Schlange vom Ende her aufbläst. Das Volk tanzt dazu.

Abends überrascht uns Edirne, eine der schönsten Städte unserer Wahlheimat.

Edirne ist die Stadt der Leberesser. An jeder Ecke mindestens ein ciğer usta, ein Meister im Braten von Lebern. Nicht nur, dass einst ein Schwabe das Leberlein fraß, ich hielt tapfer dagegen, zarte Leberschnitze, in Maismehl sanft gebraten – und davon viel! Nächtliches Magendrücken muss ausgehalten sein, denn Allah verbot es seinem Propheten und selbiger sandte das Verbot, lindernden Rakı zu genießen, bis in die Niederungen.

Edirne im Dreiländereck Griechenland-Bulgarien-Türkei ist eine mehr als sehr sehenswerte Stadt. Lebendig, jung, viele Studentinnen und Studenten der Thrakia-Universität und ihren Fakultäten. Trotzdem ein rascher Aufbruch. Freund Aykut Haldan weilte für eine Woche in Sofia an der dortigen Uni. Wir waren übervoll vom Erlebten bisher, die Unterbringung im Hotel Tula haben wir abgebrochen. Frühstück in einer „Gruft“ im grauen Keller, mit drei schweigsamen Gruftis, das einzige lieblose ältliche Frühstück der ganzen Reise,  die einzig Freundliche die Reinigungshilfe.

Alles in uns drängte heim hinter den Dimçay, den immer noch nicht wild schäumenden….. Bus nach Istanbul. Gern gönnten wir uns den Rückflug von Istanbul nach Gazıpaşa, sozusagen fast vor der Haustür. Wir wissen doch nicht, wo die Kollegin ist  und wir können auch nicht – und wir wollen auch nicht – unwilliges Grunzen über den Tresen. Erst nachdem der patron  tätig ward, kamen die Tickets aus dem Computer. Eines langen Tages Reise in den Istanbulfeierabendverkehr, da kam, das muss man verstehen, das große P in die Augen – problem yok ! Ihr habt drei Stunden bis zum Abflug. Zwanzig Minuten blieben. Der Freundliche bei Pegasus Airline  sprang für uns über die Barrikaden, die Ladeluke ist zu, nehmt euer Gepäck mit an Bord…..Noch sieben Minuten zum Abflug. Im Film rannte einst Franka Potente als Lola. Wir rannten nicht, wir sausten! Noch sechs Minuten. Hiermit bitte ich alle Schienbeine, die den Rolli spürten, alle, Zehen, auf die ich getreten, herzlich um Nachsicht mit einem in Panik geratenen Alten! Hach, bis der security die Barriere beiseite räumte, damit meine zwei Herzen die Elektrik umgingen. Noch vier Minuten. Dauerlauf, denn das gate war das letzte gaaaanz hinten. Erreicht. Unglaublich, wie so eine Extraportion Adrenalin den alten Faltenbalg auf Touren bringt.

Die Nagelschere, das Taschenmesser, die Nagelfeile, alles das passierte die Durchleuchtung. Geschafft. Das geflügelte Ross aus der Mythologie hingegen verschmähte unser so entzückendes und von einem örtlichen Magazin so hochgeschriebenes Schönwetterflughäfelein Gazıpaşa. War ihm wohl zu nass und zu windig. So setzte es mit der Hinterhand in Antalya auf. Wartezeit, denn ein Ersatzbus wurde seiner Nachtruhe beraubt, desgleichen sein Fahrer. Eines langen Tages Reise durch die Nacht. Das Luxusgefährt hatte seine beste Zeiten lange lange hinter sich. Erst beim Ausstieg gestand es seine Einschränkung, es war, peinlich genug, inkontinent. Ein Rolli war durchgeweicht……. Wann  planen wir doch gleich noch eine weitere Reise?

Peter Hockenholz am Tage danach, 09.05.2014 – und es kommen auch noch Bilder, wenn das mal wieder sehr träge Netz hierzulande es denn irgendwann einmal erlaubt….

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