Die Nato sollte vorbereitet sein – ZEIT online 5 vor 8 am 04.09.2014


Die Nato sollte vorbereitet sein
Mit der Ostukraine und der Krim hat Wladimir Putin wirtschaftliche Macht erobert, Sanktionen jucken ihn daher kaum. Gut, dass die Nato über den Ernstfall nachdenkt.
VON JOCHEN BITTNER

Die Nato sollte vorbereitet sein
Mit der Ostukraine und der Krim hat Wladimir Putin wirtschaftliche Macht erobert, Sanktionen jucken ihn daher kaum. Gut, dass die Nato über den Ernstfall nachdenkt.
VON JOCHEN BITTNER

Der Satz von Joachim Gauck, „dass territoriale Zugeständnisse den Appetit von Aggressoren oft nur vergrößern“, ist natürlich wahr. Wahr ist aber auch, dass der Westen derzeit weder die Mittel noch die Entschlossenheit besitzt, einen derartigen Appetit zu zügeln. Wladimir Putin baut ungestört „Novorossija“, einen vermeintlich ethnisch-russischen Landgürtel entlang der Nordküste des Schwarzen Meeres. Er gewinnt diesen Konflikt nicht obwohl, sondern weil er Spielregeln bricht und es niemanden gibt, der diesen Regelbruch wirksam ahndet.

Seien wir ehrlich: Der wirtschaftliche und politische Nutzen, den die Landnahme seiner Stellvertreterarmee Putin in der Ukraine einbringt, wird wahrscheinlich auch in Zukunft den Schaden übersteigen, den die EU einem neoimperialen Russland als Strafe zuzufügen bereit ist. Von Wirtschaftssanktionen hat Putin sich bisher nicht beeindrucken lassen und er wird das wahrscheinlich auch in Zukunft nicht tun, selbst wenn die EU diese Sanktionen verschärft.

Das könnte unter anderem daran liegen, dass die Ostukraine lebenswichtige Zulieferfirmen für die russische Rüstungsindustrie beherbergt. Der Donbass war schon immer die Waffenschmiede Russlands, und er ist es bis heute. Laut einer erhellenden Auflistung der Washington Post werden Russlands Interkontinentalraketen in Dnipropetrowsk produziert, die Werke für Motoren von Transportflugzeugen, Militärhubschraubern und Kampfflugzeugen liegen in Saporischschja und die Getriebe für die meisten geplanten russischen Marineschiffe kommen aus Mykolajiw.

Hinzu kommt die Krim mit ihren Warmwasserhäfen sowie den Öl- und Gasvorkommen im Asowschen Meer. All diese Schätze dürften aus Putins Sicht den Schaden, den die EU-Sanktionen anrichten, beträchtlich abmildern, wenn nicht gar aufheben. Solange Europa ein Drittel seines Öls und Gases aus Russland bezieht, muss der Mann um den Hauptzustrom an Devisen ohnehin nicht bangen.

Vermutlich schreckt nicht einmal die Aussicht, dass Russland zu einem Closed Shop werden könnte, zu einem handelspolitisch, diplomatisch und kulturell weitgehend isolierten Land, die Hardliner im Kreml – im Gegenteil: Die Globalisierung, die Liberalisierung, die Vorstellung von Marktöffnungen als gelebtem Internationalismus beäugen sie ohnehin als wertezersetzende, dekadente Einflüsse. Der Bau von Novorossija nährt den Alternativglauben, Russland sei groß und mächtig genug, um auf die westliche Idee von Wachstum pfeifen zu können.

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