ZEIT online – 28.04.2015 – Fünf vor 8:00: Etwas geht verloren – Die Morgenkolumne heute von Alice Bota


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Die Alten sterben. Natürlich sterben sie, und wenn der Tod jemanden wie den Polen Władysław Bartoszewski mit 93 Jahren holt, einen Mann, der Auschwitz überlebt, im Warschauer Aufstand gekämpft, Juden gerettet, im Gefängnis gesessen hat, bevor er im letzten Lebensdrittel polnischer Außenminister wurde, dann kann man sagen: Er hatte ein Leben voll Leid, Wahrheit und Anstand und es ist in Ordnung, dass es endet. Aber mir macht es Angst.

Wir erleben die letzten Jahre jener Menschen, in deren Biografien sich die europäische Schreckensgeschichte des 20. Jahrhunderts eingeschrieben hat. Bald wird niemand von ihnen mehr da sein. Deutsche, Ukrainer, Balten, Russen, Polen, Israelis – die Davongekommenen werden gehen. Mit ihnen wird etwas verloren sein, von dem wir noch nicht ahnen können, wie bedeutsam es für unseren Blick auf die Geschichte und damit die Welt sein wird.

Ich glaube, dass jene, die ihrem 90. Geburtstag nahe sind oder ihn schon hinter sich haben, das spüren. In den vergangenen Jahren habe ich für unterschiedliche Recherchen mit Holocaust-Überlebenden gesprochen. Die meisten waren Polen oder Israelis polnischen, ukrainischen oder russischen Ursprungs. Selbst jene, die von Gebrechen geplagt oder schon sehr alt waren, hatten diese unbändige Kraft in sich, in der sich, so kam es mir vor, manchmal Rastlosigkeit und Dringlichkeit widerspiegelten.

Jemanden wie Władysław Bartoszewski zu interviewen, war ein Segen und eine Qual. Ein Segen, weil er randvoll mit Wissen und Erfahrungen und Anekdoten war, die er aus den vielen Begegnungen seines Lebens zog. Und eine Qual, weil er sie immerzu gern teilte. Er sprach und sprach und sprach, während wir Journalisten nervös wurden und uns fragten, ob wir zumindest 5 der 20 Fragen stellen können würden, die wir uns notiert hatten. Er knüpfte eine Anekdote an die andere, er hörte nicht auf zu reden, nie, und bis zuletzt hatte er diese ungeheure Kraft, gegen die man nicht ankam.
er Marek Edelman, der letzte überlebende Kommandant des Warschauer Ghetto-Aufstandes, Kämpfer im Warschauer Aufstand, Aktivist in der Solidarność: Bis zu seinem Tod vor sechs Jahren arbeitete Edelman an seinem Buch, diktierte es seiner Lebensgefährtin, weil er zu schwach war, um zu schreiben. Und arbeitete mit einem Regisseur an einem Drehbuch, bis zuletzt.

Manchmal habe ich mich gefragt, ob sie mit dieser Kraft ihr Leben anpackten, weil sie fürchteten, die Macht zu verlieren über die Erinnerungen.

Es gibt immer wieder historische Verdrehungen, manche entstehen aus Ahnungslosigkeit und Unachtsamkeit, andere sind bewusste Manipulationen, sie reichen zum Beispiel von einer Verwechslung des Warschauer Ghetto-Aufstands mit dem Warschauer Aufstand (Bundespräsident Roman Herzog), der Rede von einer polnischen Mitverantwortung für den Holocaust (FBI-Chef James Comey) oder der Behauptung von „polnischen Konzentrationslagern“ (Barack Obama), sie widmen das Gedenken ausschließlich den russischen Opfern des vernichtenden deutschen Angriffskrieges, als hätte der Angriff auf die Sowjetunion nicht auch den Tod von Millionen Ukrainern, Balten und Weißrussen bedeutet.

Um Fehler und Geschichtsklitterungen werden sich weiterhin die Historiker kümmern, da bin ich zuversichtlich. Aber die Frau, die den Holocaust überlebt hat und in der Sendung von Günther Jauch den Moderator zurechtweist, dass sie kein „Opfer“ sei, sondern eine „Überlebende“, bestimmt, wie sie ihre Rolle in der Geschichte wahrnimmt. Dass sie ins KZ nicht „gekommen“ sei, sondern „deportiert“ wurde. Diese Einzelheiten sind bedeutsam. Sie sind der Kern aller persönlichen Erinnerungen an all jene, die nie gekannt wurden oder schon lange nicht mehr leben.

In seinem letzten Buch vor seinem Tod, Die Liebe im Ghetto listet Marek Edelman am Ende die Namen jener auf, die darin eine Rolle spielten und deren Leben meistens 1943, im Warschauer Ghetto-Aufstand, endeten. „Ich bin der Letzte, der diese Menschen mit Vornamen und Nachnamen kannte“, schreibt er. „Und wahrscheinlich wird sich außer mir niemand mehr an sie erinnern. Es sollte eine Spur von ihnen bleiben.“

Nie wieder vergessen, so enden oft Reden an Gedenktagen zur Befreiung von Auschwitz, Buchenwald oder Sachsenhausen. Es sind politische Appelle, ehrenhaft, manchmal pathetisch, manchmal enthusiastisch, aber letztendlich hilflos. Denn um das Erinnernwollen, Erinnertwerden geht es, nicht so sehr um das Vergessen; es wird weiterhin unzählige Bücher und Dokumentationen und Forschungen über den Holocaust geben, selbst wenn der letzte Augenzeuge tot ist. Doch etwas wird verloren sein, unwiederbringlich.

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