Fünf vor 8:00: Wo die Zukunft noch ein Mehr ist – Die Morgenkolumne heute von Lenz Jacobsen ZEIT ONLINE an Sie


Neue Flughäfen, Brücken, Städte: Der türkische Bauboom wirkt aus deutscher Sicht skurril, verrät aber sehr viel über dieses Land – und auch etwas über uns.
VON LENZ JACOBSEN, ISTANBUL

Sie wollen jetzt eine Stadt bauen, wo noch keine ist. Drei Millionen Menschen sollen darin leben, irgendwo in der Mitte der Türkei. Rund 2,2 Millionen neue Jobs sollen in diesem neuen „Logistik- und Produktionszentrum“ entstehen, 2035 soll es fertig sein. Kosten: 200 Milliarden Dollar. Was die Bewohner der neuen „Mega-Stadt“ verdienen werden, haben sich ihre Planer auch schon ausgedacht: 3.000 Dollar mehr im Jahr als im Rest der Türkei.

Mit diesem Projekt wirbt die größte türkische Oppositionspartei CHP kurz vor der Parlamentswahl um Stimmen. Aus deutscher Sicht noch irritierender als die Idee selbst ist die Reaktion der meisten Türken darauf: Sie finden das ziemlich normal.

Wenn es um’s Bauen geht, ist in der Türkei alles anders. Daran, was und wie in dem Land gebaut und wie darüber gesprochen wird, lässt sich sehr viel lernen über das Land – und auch ein wenig über Deutschland.

Vor zehn Jahren gestaltete das Berliner Comic-Duo Katz & Goldt ein T-Shirt mit dem Spruch: „Initiative: Vierte Oper, dritter Zoo und siebte Uni für Berlin!“ Das war lustig, weil es so offensichtlich das übertriebene Gegenteil der Realität war. Damals sollte aus Spargründen eine der drei Opern und auch sonst so einiges geschlossen werden im chronisch klammen Berlin.

In der Türkei gewann dagegen 2011 die Regierungspartei AKP die Parlamentswahl mit dem Versprechen „Dritter Flughafen und dritte Bosporus-Brücke für Istanbul“. Gelacht hat niemand, die Bauarbeiten haben längst begonnen.

All die neuen Flughäfen, Brücken, Wohnviertel, Straßen sind Zeichen eines ungebrochenen Fortschritts- und Wachstumsglaubens. Es ist der Glaube an ein besseres, weil proppevolles Morgen: größere Häuser, schickere Autos, voller Regale. In der Türkei ist die Zukunft noch ein Mehr.

Den deutschen Gast muss das befremden. In Ostdeutschland werden verwaiste Plattenbauten abgerissen, Kommunen müssen das Schrumpfen lernen. Klein und smart sollen Unternehmen jetzt sein. Ökonomen und Politiker grübeln, wie eine Gesellschaft ohne Wachstum stabil sein kann, wie sie ökologisch und nachhaltig zu gestalten wäre. Manche Soziologen zweifeln schon gar nicht mehr, ob der Kapitalismus stirbt, sondern diskutieren nur noch das Wie seines Todes.

Für unsere kleine deutsche Blase mögen solche Debatten zeitgemäß sein, in der Türkei und in vielen anderen Ländern wirken sie skurril. Ganz einfach deshalb, weil hier noch immer viele Menschen in wackeligen Häusern ohne Heizung leben und erst etwas von dem Komfort und Wohlstand wollen, der uns selbstverständlich ist. Oder, wie der in Istanbul arbeitende Architekt Jesse Honsa schreibt: „Menschenrechte, Denkmalschutz, und sogar ökologische Nachhaltigkeit sind merkwürdige, unmessbare Konzepte im Vergleich zu den Früchten des ökonomischen Wachstums.“ Er fährt fort: „Also lasst uns diese elitären, europäischen Ideale für einen Moment vergessen.“

Ja, lasst sie uns für einen Moment vergessen, um so besser zu erkennen, was der Bauboom über die Türkei verrät. Für ein Land, das sich so schnell urbanisiert wie die Türkei, ist Anpassungsfähigkeit das wichtigste. Istanbul ist in 30 Jahren (1980 bis 2010) von 2,7 auf mehr als 13 Millionen Einwohner gewachsen. In den inneren Stadtvierteln ist die Stadt immer voller und gedrängter geworden. Weil hier aber die Häuser (übrigens nach englischem Vorbild) schmal und niedrig waren und oft der darin wohnenden Familie gehören, konnten diese einen Teil des Wachstums dadurch absorbieren, dass sie einfach Stockwerke obenauf setzten, jeder für sich und ungesteuert von Regierungsplanern. Das hat Wohnraum geschaffen und den Besitzern ein kleines Mieteinkommen verschafft. Ohne dieses vertikale Wachstum wäre die Stadt noch viel mehr in die Breite gegangen und bräuchte jetzt noch mehr Straßen, Autos und U-Bahnen als ohnehin schon.

Dass also der Land- und Hausbesitz auf so viele einzelne Schultern verteilt ist, hat der Stadt das Wachsen erleichtert. Jesse Honsa nennt das in Anlehnung an japanische Architekturmodelle den „Metabolismus“ von Istanbul, das organische Wachstum dieses riesigen städtischen Gebildes. Planbar wäre dieses Wuchern sowieso nicht gewesen. Viele kleine Akteure bewegen sich schneller und klüger als ein großer, monolithischer Block, Eigenitiative ist flexibler als zentrale Planung. Wie nebenbei hat die Wachstumsgeschichte Istanbuls diesen Lehrsatz des Liberalismus bewiesen.

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