Eskişehir – und was dann noch?


wp-1477394616651.jpegDie letzte dicke reife Birne aus dem Rucksack gegessen, jeder die Hälfte; das gehört sich auch so. Unsere dreckige Wäsche ist gewaschen und sauber und trocken im Schrank verstaut. Gut so. Wollt ihr beiden Ollen denn immer noch so verrückt reisen? Wollen wir! Und wohin? Fragen erwarten Antworten. Dieses Mal muss erst viel nachgedacht werden.

Meine Gedanken gehen gehen in die Gegend, vor welcher das auch um uns so sehr besorgte Auswärtige Amt zu Berlin warnt. Es wohnen Facebookfreunde dort – und es kommen nicht nur Kombattanten um, sondern Frauen, Männer, Kinder. Hatay, die zauberhafte Stadt ganz hoch oben im Grenzgebiet – şanlı Urfa, die Zauberhafte, Diyarbakır, die Hauptstadt der Kurden, Suruç, der Ort der vielen Geflüchteten aus Syrien – und die undurchsichtige Hilfe für diese. Ich würde sie gerne wieder besuchen. Doğubayazıt, die Stadt der Gemüsehändler mit den fröhlichen Gesichtern, mit ihrem Tor nach Persien. Den Van Gölü ein weiteres Mal und die Grenzstadt Hakkarı mit den vielen Kindern, noch mehr davon hungrig…

Auch der Berg Ararat steht auf der Wunschliste. Als Noah seine Arche dort ankerte und seine Schäfchen ins Trockene brachte – und das andere Geviechere auch, da fielen noch keine Bomben und sein Personal konnte ungefährdet den Kahn verlassen.

Es geht nicht, andere Reiseziele werden gefunden. Weil das so besorgte Auswärtige Amt warnt. Aber es verschweigt, dass die deutsche Bundesrepublik die Ausfuhr an Waffen, die auch da hinten in unserer Wahlheimat morden, sich 2016 verzehnfachte.

Der Wirtschaftsminister aus Goslar, weder sozial, noch gar demokratisch, hat die Arbeitslosen im Kopf. Das macht wütend. Man könnte einwenden, dass alles nur von noch Mächtigeren vorgegeben wurde und man tue doch nur seine Pflicht. Selbige zu tun reicht nicht. Merkwürdige Gedanken nach einer Superglücksreise. Die Abbildung oben und unten macht eben nachdenklich.

Peter Hockenholz am türkischen Staatsfeiertag, dem 29.Oktober 2016

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Eskişehir, du zauberhaftes Eskişehir


img_20161024_111830.jpgEs gibt nicht mehr zählbare schönste Städte in unserer Wahlheimat Türkei. Gerade sind wir zurück aus Eskişehir. Eingangs lediglich gedacht als mitgenommenes Anhängsel an die Tour mit dem Ausländerbeirat der Stadt Alanya in die Metropole Bursa. Weil wir doch auf dem Hinweg nach dort schon an Eskişehir vorbeifuhren. Amasya, die Stadt mit den leckersten Äpfeln, für uns das Heidelberg der Türkei, am Yeşil Irmak. Kütahya, die Stadt mit den fröhlichsten Studenten der Welt, vor Jahren in kalter Winternacht erlebt. Erzurum, mit den frommsten Menschen, den freundlichsten – und dem dicken Hund, der seine Vollpension aus einer Metzgerei erhält. Bursa, die riesige Metropole mit der am längsten dauernden Seilbahnfahrt hoch hinauf auf den Uludağ; Herbstatmosphäre. Nun das vorerst – vorerst – letzte Ziel.

img_20161024_124139.jpgAbschied von den Mitreisenden, freundlicher Hinauswurf an einer Raststätte, Taksi als Zubringer, Bus zum Otogar in der Stadt, Umstieg in die Tramway, Rucksäcke auf dem Buckel, Rolli nah der Haxen. Gewohntes Reisen, auf sich selbst gestellt. „Hier kriegt ihr auch Thermalwasser in die Wanne, ah! Die Quelle muss weiter entfernt liegen, was aus der Dusche tröpfelt, Thermalwasser? Zweifel. Wichtig? Eher nicht.

img_20161024_124636.jpgDer Ort, von Türken euphorisch gelobt, zeigt uns den Rücken. Bis nach dem Senioren zustehenden Mittagsschlaf. Besuch bei Nasreddin Hoça. Lästerzungen wollen eine Ähnlichkeit zum Schreiber ausgemacht haben. Die Fahrt auf dem Piesel, so taufen wir das traurige Gewässer, fällt in dieses. Fünfzehn Fahrgäste sind in der Nachsaison nicht zu akquirieren.

img_20161025_102129.jpgMehr schauen, als shoppen, es gibt so viele Straßen, Gassen, Gässlein. Freundliche Menschen, dem Yabancı zugewandt. Ein einziger Ausrutscher: „mein“ schickes Oberhemd in einem feinen Geschäft. „Das ist maßgeschneidert und kostet TL 140.–„, ein Ladenschwengel, dem wir nicht adäquat aufgetreten sind mit unserer praktischen, aber für ihn zu wenig feinen Kleidung. Kein Problem, da ich noch mindestens ein Ersatzhemd besitze.

Die beste Mercemek çorbası der Welt, macht satt, macht fröhlich. Anderntags die andere Richtung – die alten Häuser. Als ob ein Regisseur die Wolken beiseite schiebt und das Frühlicht alles verzaubert. Voll das Ensemble mit Andenkenscheußlichkeiten. Das Museum mit den hölzernen Figuren. Wir ganz allein. Die letzte Arbeit schockiert.

img_20161025_105634.jpgAh, jubelt meine Liebste, schräg gegenüber ist ja noch ein Museum, das Daktylo Museum. Im Empfang ein Gutgekleideter, antwortet nicht auf unseren Morgengruß. Kein Stiesel, er sah nur lebendig aus. Genau so, wie eine Etage höher Bülent Ecevit, der mehrfache Ministerpräsident der Türkei. Er sitzt vor der seiner alten Reiseschreibmaschine, aber er tippt nicht mehr.

img_20161025_123604.jpgLanger Fußweg zurück in die Stadtmitte. Fröhliche Pause beim Käsehändler, Lernen über die Unterschiede zwischen Erzurumer, Edirner und viele viele Käsesorten. Learning by doing, viele Griffe in das offene lange Messer, Käse kann man nur über die Zunge erarbeiten. Hier duftet es verführerisch aus dem Kühlschrank – der Erzurumer ist etwas trocken, den müsst ihr mit viel Butter drauf genießen, aaaahhh!

wp-1477392937395.jpegDie Straßen in Eskişehir sind gepflastert, eng, Fahrzeuge können nicht aneinander vorbei. Die Enge ist gewollt und durch unzählige Pflanzkübel von den Bürgersteigen getrennt. Begegnen sich zwei Fahrzeuge, setzt nach nonverbaler Verständigung einer zurück. Hupen? Vogelzeigen? Stinkefinger? Was ist das? Kommt ein LKW nicht um die Ecke, weil diese bis auf den letzten Zentimeter zugeparkt ist, kurzes Warten, einer kommt schon und entfernt das Hindernis. Wir sind fasziniert. Die Straßenbahnen klingeln kurz, der Latscher macht ihr Platz.

Die Wege und die Bänke der durch die Stadt führenden Promenaden sind nicht mehr grün, sondern kalkweiss von den Verdauungsrückständen der Taubenheere. Man kann Futter erstehen und beim weiteren Zu……… helfen. Nicht mehr sicher sind wir, ob es wirklich Taubenfäkalien sind. Vielleicht ist es ein Kleber, die Fremden, die sich diese Stadt per pedes eroberten, nicht wieder gehen zu lassen. Frostig wird im Winter nur das Wetter, die Menschen sind warmherzig.

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Eskişehir – und die gefühlte Frostgrenze…


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Etwas mäßiges Hotelfrühstück. Meine Liebste wirft zu früh das rosa Stimmungsmotörchen an: schau mal Liebster, die Sonne scheint, der Tee ist schön heiß… – umgekehrt wird ein Schuh draus – die Sonne ist schön heiß und das Gesöff in der Tasse scheint Tee zu sein.

Wir stiefeln los in die berühmte Altstadt. Das Nebenflüßlein der Piesel durch den Park, die Wege und Bänke voll geschissen von den Ratten der Luft, Stimmung unter Normalnull. Es stinkt.

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Die alte Stadt scheint  wie von einem geschickten Regisseur. Weichende nächtliche Schatten mschen wärmenden Sonnenstrahlen Platz. Eine ordnende Hand schiebt wie von ungefähr huschende Katzen ins Bild. Die zweijährige Huskyhündin läßt die Schmusehand nicht mehr los. Alteskişehir erfaßt, ergreift uns! Was für ein Tag!

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Menschen treten nach aus den Kulissen, Morgengrüße hin und zurück. Frisches Ekmek mit Nüssen und auch mit Haşhaş duftet in die Gassen. Turkiş kahve sade. Welch ein Tag. Besuch im Daktylo Museum. Der Eintritt mit zwei T L für mich und einem für Luiza; besser, ich erkläre ihr das nicht…

 

Sonderaudienz bei Herrn Mustafa Bülent Ecevit. Vier Mal war er Ministerpräsident. Wir kennen einander schon aus Cecme. Dort steht er bronzen zusammen mit seiner Gattin an prominenter Stelle. Hier unterbricht er seine wichtige Arbeit, uns freundlich zu empfangen, kurz nur, er tippt seine Entwürfe noch von eigener Hand….

img_20161025_105634.jpgEs ist nicht alles Ķäse im Käseladen in der alten Stadt, aber do gut wie alle Käse aus der Türkei. Ständig greifen wir ins große Messer um eine neue Probe. Im Schaufenster des Ķäseladens numero zwei lockt ein uralter reifer Erzurumer: buirun, kommt, probiert. Er ist alt, aber nicht fett genug. Da haben wir gewisse Ähnlichkeiten, genießt ihn pur mit reichlicher Butter drauf. Käsediät a la Eskişehir.

wp-1477395424673.jpegFür einen halben Tag fast zu viel. Und die vielen Sch…..flecken im Park sind vielleicht gar kein Taubenschiet, sondern Klebstoff, die beiden Yabancı von ihrer Wahlheimat Kestel-Alanya hier zu behalten…. Viel für einen halben Tag…

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Eskişehir – liegt an der Piesel…


 

 

 

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Nach der Metropole Bursa nun Eskişehir. Mit Haut und Haaren saugte die quirlige Stadt an der Piesel uns auf. Das blaue Band auf dem Stadtplan macht Lust auf eine Bootstour durch die Stadt. Zwei Memure in Wartestellung in warmer Minibilletthütte: wenn ihr mindestens fünfzehn Leute seid, dann schiffen wir euch – eine ganze viertel Stunde lang. So lange können wir nicht. So fließt ohne uns das Herbstlaub die grünlichgräuliche Brühe hinunter.

Die Sonne durch die Hotelfensterscheibe täuscht Sommer vor. Erst mit den warmen Jacken reißt Eskişhehir uns mit, nimmt uns in die Arme, verwöhnt den  Yabancı mit der Fülle seiner freundlichen Menschen, vor allem mit den Sprachenprobierern.

Zwölf lange Jahre hatten wir Englischunterricht, nur sprechen haben wir nicht gelernt! Die Verständigung: trotzdem erstklassig, herzlich, selbst beim Kauf des örtlichen Käse. Nasreddin hodça war hier zuhause: aus einem Haus wird ein Paket hinausgetragen. Was gehtves mich an? Das Paket wird aber aus Deinem Haus hinausgetragen. Was geht es dich an? Nasreddin hodças Weisheiten kennt wohl jeder in unserer Wahlheimat Türkei.

Ein Boshafter in Berlin vermeint, Ähnlichkeiten auszumachen; na warte, Andreas!…

Morgen kommt noch das alte, das traditionelle Eskişehir unter die Schuhsohlen, wir freuen uns heute schon darauf, dann genug des kühlen Herbstes und wieder auf ans warme Mittelmeer….

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Köfte – sehr sehr sehr gutes Fleischliches – und anderes…


img_20161023_122304.jpg….auch noch an unserem letzten Tag, dem Sonntag in Bursa: zweisprachig, ausdrucksvolle Körpersprache plus türkisch, spricht er mit ins, während seine Hände routiniert Köftebollen um Köftebollen formen. In unterschiedlichen Würzungen, lecker, einfach nur köstlich. Aber so kurz nach dem Frühstück… Es bleibt bein Schauen.

Ach hätte der berühmte Herr Orhan in seiner Abfütterungsmaschinerie in Sinegöl, wo der Bushalt ein Muss zu sein scheint, seine vorfabrizierten „Köfte“ hier bezogen… ich hätte nächtens keine Pflastersteine bewältigen müssen!

 

Tatıleri Halva tatlıcısında


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Für alle, die sich so wie ich diese Zweitsprache übersetzen lassen müssen: dringende Konsultion einer Praxis für Diabetes. Das Sprechzimmer in Bursa ist hundertsechzig Jahre jung und der Halvacı maximal dreißig Jahre alt. Im Haus des Henkers redet man nicht über den Strick und beim Macher des süßen Lebens auch nicht über Blutzucker! Es war sehr sehr ausgiebig und sehr sehr köstlich.

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