Im Krankenhaus hast du nichts zu lachen – oder doch?


Meistens geht der, der ins Krankenhaus muss, gedrückter Laune hinein. Zumindest, wenn ein Zipperlein oder mehr ihn dazu bringt. Uns Beiden geht es ganz genau anders herum. Aber mal langsam – eigentlich erhoffte mich mir ein freundliches Ende des Deutschunterrichts für Mitarbeiter des staatlichen Devlet Hastanesı zu Alanya. Nach einem Jahr zwei Mal in der Woche hin, das bleibt nicht in den Schuhen stecken.

Aber es kam anders. Die Lernenden wollten nach Fastenzeit und Feiertagen weiter machen, wieder wie gewohnt zwei mal in der Woche. Heute Abend war es besonders fröhlich und kurzweilig – und ein wenig frivol…..

Es ging ganz zahm los – der i-hali und der e-hali war auf der Agenda. Das ist nichts weiter als der Dativ und der Akkusativ – ich wollte damit nur meine intime Kenntnis dieser verflixten türkischen Sprache dokumentieren. Dazu die unbestimmten Wörter kein, keine, keiner abgewetzt laut Lehrbuch am Stephansdom zu Wien. Wie sie nach einem harten Arbeitstag wieder lernten, die Ärztinnen und die Leitende aus der Pflege, alle Müdiigkeit verflogen. Die Wiener Sehenswürdigkeit wurde hin und her und hinauf und hinunter durch die Mühle der Grammatik gedehnt und gedreht .Dem  Steffl müssten die Ohren geklungen haben, hätte er denn welche.

Die letzten zehn Minuten hatten es auch dieses Mal in sich; i-hali und e-hali im Hirn gespeichert, die Geschichte längst gelesen und übersetzt – nun aber: Luiza, ach bitte bitte bitte bring uns doch noch „so ein Wort“ bei – die Schlitzohrigen repetierten: A….l…., verp…. dich, sie fand keine Kunden… und dergleichen. Mir schoss die Schamröte in die Glatze unschuldig, wie ich ausschaue. Da frisst einen der Neid, ich habe lediglich gött im Hirn behalten und das nur, weil mir als Lernhilfe die Stadt Göttingen mit auf den Weg gegeben war. Ergänzt durch den Hinweis, dass die Studenten in dieser Stadt eben am A…. studieren würden. Welch eine Einschätzung der guten alten Gutingia.

Was ich sonst noch an Kenntnissen der Sprache unseres Gastlandes auf Lager hätte: kürek erinnere ich mich an eine der wenigen Lernkarten – werde prompt von den Schülerinnen belehrt: küreği al = nimm den Spaten – dabei repetiere ich kürek – Spaten, neben fünf anderen Vokabeln nur erst vierzehn Tage.

Lehren ist eben einfacher als lernen – und heute erhielten wir sogar ein Honorar, eine dicke fette Plastiktüte voll Portakal aus Manavgat – das sind die dicksten…

Peter Hockenholz am 20. Jänner, schließlich ging es um Wien, 2014

Am Abend werden die Faulen fleißig….


Die Stadt Alanya ist in der kurzen Zeit der Dämmerung noch höchst lebendig – obwohl die Tourismusindustrie sich noch für die neue Saison rüstet. Meine liebe Frau und ich genießen montags und donnerstags von unserem Arbeitsplatz aus im Devlet Hastanesı.

Vom Tagesablauf müde Mitarbeiterinnen des Staatlichen Krankenhauses leben wieder auf in den anschließenden zwei Stunden im freiwilligen Deutsch-Unterricht. Heute Abend schickte eine Teilnehmerin uns eine Riesenportion Dolma – Weinblätter. Als Gruß, weil ihr Dienstplan sie selbst verhinderte. Die Müdigkeit verfliegt, es wird immer wieder gelacht – und Deutsch gelernt. Immer wieder eine Freude für uns!

Peter Hockenholz und Frau am 09.01.2014

Tatiler – Urlaub – bald!


Es wird vorerst der letzte Bericht in der Rubrik „Neues aus der Anstalt“ sein – denn bald beginnt der Fastenmonat – und mit leerem Magen lernt es sich nun mal nicht optimal.

Seit Ende September des letzten Jahres sind wir mit geringsten Unterbrechungen im Devlet hastanesi, dem staatlichen Krankenhaus in Alanya in Sachen Deutschunterricht tätig. Das macht von nach jedem Montag, jedem Donnerstag, richtigen Spaß. Der Kreis der Lernenden schmolz von über dreißig Mitarbeitern auf ca. ein halbes Dutzend.

Die Aufgabe sollte nach der Planung Ende März 2013 enden – und im Herbst fortgesetzt werden. Daraus wurde nichts. Man forderte uns energisch auf, bis Ende Juni weiter zu machen. Und uns nur ja nicht einbilden, dass wir uns auf dem Rentnerfell ausruhen können.

Die Aussprache hat sich bei unseren „Schülern“ deutlich verbessert – einige Ärzte wenden  es schon gelegentlich in der Praxis an – „du hinsetzen bitte“ – du erst morgen früh wieder essen!.

„Neues aus der Anstalt“ gibt es wieder ab  Oktober – Inshallah!

Grüße, auch von meiner Frau, Peter Hockenholz 11.06.2013

Neues aus der Anstalt – Kitap siz – knapp am Fettnapf vorbei


Am vergangenen Montag wieder eine dieser fröhlichen und intensiven Deutschlernerstunden im Devlet-Krankenhaus. Anwesend die üblichen Verdächtigen; man kennt sich mag sich. Einer der sympathischen Teilnehmenden hatte, wie üblich bei ihm, einmal wieder sein Lehrbuch nicht parat. Freundliche lächelnde Ermahnung meiner lieben Frau. Mit nur extra leicht angedeutetem Vorwurf – kitap siz – kein Buch dabei.

Haarscharfes Abbremsen, Herumreißen des rhethorischen Steuers um einen Riesenfettnapf herum! Kitap siz – ohne Buch – klingt nebensächlich, nicht der Rede wert. In dieser Kultur jedoch, so folgt die wohlgemeinte Aufklärung, hat das eine schwer wiegende Bedeutung. Kein Buch heißt nichts anderes, als weder an den Koran noch an die Bibel zu glauben und das sei eine schwer wiegende Beleidigung des Gegenübers. Dem aus einer anderen Kultur Kommenden mag man es nachsehen, aber es sei eben ayıp.

Ayıp, unanständig, keiner Glaubensrichtung anzugehören. Das sei für den gläubigen Muslim etwa so, als ob jemand in der europäischen Kultur den rechten Arm hebt und mit Heil Hitler grüßt….. Das weckt im 1937er Ungutes. 1945 grüßte er seinen Schuldirektor wie  gelernt mit dem (Un-)Heilsgruss – und stand ratlos da nach der Zurechtweisung, so grüße man doch nicht mehr…. Ratlos!

Peter Hockenholz am 12, şubat 2013

„Neues aus der Anstalt“ – Der Aufstieg


Wie war im Devlet es vordem – im Sitzungssaale so bequem….

Vordem war bis gestern. Die Krankenhausmitarbeiterinnen und Mitarbeiter, welche den Drang verspüren, die deutsche Sprache zu lernen, waren einige Male in der Woche Gast im Sitzungssaal des Krankenhauses. Rotplüschige Samtsitze, leicht nach hinten geneigt; man kuschelt sich gar gemütlich hinein und lässt Den oder Die da vorne hinterm Pult mal machen. Zu Feierabend hin klappt die Gemütlichkeit hoch. Es bleiben Plastikbecher, Teegläser und eine Menge verbrauchter Luft.

Da bekanntlich gegen Abend erst die Faulen fleißig werden, nämlich dann, wenn die Deutschlerner aufschlagen, werden die Fenster geöffnet und die Lungen mit Sauerstoff gefüllt, denn der wird dringend für das Deutschsprechen benötigt. Neben der gar nicht so grauen Theorie war Leibesertüchtigung angesagt. Denn beim Aufstehen klappt der Plüschsitz natürlich hoch und schleudert dabei etwaige Unterlagen auf den Boden, die gesucht und wieder geborgen werden müssen.

Seit gestern Abend sind wir allesamt aufgestiegen – ein Stockwerk höher. Die Abstellkammer namens sosyal odası extra für uns aufgewertet mit Tischen, richtigen Arbeitstischen, die Stühle mit neuen Hussen bezogen – und vor allem mit einer Wandtafel.Woran niemand mehr glaubte, dass es Realität wird, es ist Realität geworden. Kein Sitz klappt mehr nach oben, die Beleuchtung ist optimal, eine ganz neue, ganz wunderbare, ganz intensive Arbeitsatmosphäre! Danke danke Doktor Ismail! Geht doch! Ein stummer Gast hört mit versteinerter Miene zu – Osman! Das ist der dummy, an dem Herzmassage für den Ernstfall geübt werden kann. Er liegt still auf seinem Schragen und mag sich seinen Teil denken…..

Eigentlich übt donnerstags ja der Chor des Devlet-Krankenhauses in „unserem“ neuen Domizil. Aber der übt nun im Sitzungssaal unter uns. Dort ist auch die Akustik erheblich besser, dank der Plüschklappsessel. Dieses Ambiente bringt auch die Soli und die Chorstimmen viel besser rüber, meint

Peter Hockenholz am 25. ocak 2013

 

 

„Neues aus der Anstalt“ – der missglückte Stuhlgang


Schon in einer der ersten Stunden Deutschunterricht im Devlet Hastanesı zu Alanya ging es um die Possesivpronomen. Sie wissen schon: mein – dein – unser – euer usw. usw. Wie sind die einprägsamer zu vermitteln als über lebhafte Beispiele. Ich frage also eine unserer „Schülerinnen“, nennen wir sie Seden, eine ganz wache junge Frau: Seden, ist dieser Stuhl mein Stuhl oder ist er dein Stuhl? Als Antwort erwarte ich einen kompletten Satz – und der kommt: Nein, dieser Stuhl ist nicht mein Stuhl. Gute Antwort, braves Mädchen. Mit einem Lächeln kommt dann aber noch: aber dein Stuhl ist auch nicht. Stuhl gehört Krraaankenhaus.

Mit dieser Ergänzung hat sie mir schlagartig die Eigentumsverhältnisse verklart – und mein Gewissen geweckt, zumindest die Reste davon. Es war ein etwas in die Jahre gekommener Stuhl. Wäre er neuer, vielleicht gar ein Designerstuhl, wie leicht hätte ich ihn mitnehmen können. Da erst am Abend die Faulen fleißig werden, endet der Deutschunterricht so gegen 19 Uhr, dann ist es zu dieser Jahreszeit winterlich duster in  Alanya. Alle Mitarbeiter der Verwaltung haben ihr Tagewerk getan, wir sind die Letzten, welche das Licht löschen und sich durch dunkle Flure zum Asansör, dem Lift, tasten. Draußen scheint eine schwarze Hand ans Fenster zu klopfen, huscht innen eine dürre Gestalt im Arztkittel über nachtdunkle Treppen, streift mit dürrer Hand den Erschreckten? Die Treppen werden gemieden, denn in der Türkei verfügt fast jede Treppe über mindestens eine Stufe, die sich in der Höhe deutlich von den anderen unterscheidet. Der Lift ist die einzige funzelige Lichtquelle im nachtdunklen Trakt. Da wäre so ein Stuhl doch eigentlich ein wirksamer Schutz gegen mögliche Unbill. Ich habe ihn nicht mitgenommen,  das Inventar des Devlet blieb komplett………. Bin stolz auf mich………….

„Neues aus der Anstalt“ – „Wo ist Pättärr?“


Wo ist Pättärr, wird meine liebe Frau gestern Abend beim Deutschunterricht im Devlet Hastanasi gleich angegangen. Schwang da gleich ein winziges Häuchlein Misstrauen mit? Denn sie kam dieses Mal alleine und nicht wie gewohnt im Doppelpack mit Pättärr. Der hatte vormittags mit ihr zusammen im Garten für frühlinghafte Ordnung gesorgt und hatte nachmittags frei. Ich werde nur Vokabeln wiederholen und unsere „Schülerinnen und Schüler“ zum Sprechen in fremder, nämlich deutscher, Zunge zu animieren.Da musst du nicht mitkommen.

Zuvor jedoch musste sich wohl ziemlich verteidigen, wo sie denn ihren lieben Mann gelassen habe. Ist er kraank? Was haast du mit ihm gemaaacht? Hast du ihn etwa aufs Dorf gebracht – das ist die gängige Formulierung, wenn man sich eines Hundes entledigt  Ist er wirklich nur allein zuhause? Sag an! Nun, man kann ja auch nur mit Fragen und deren Beantwortung eine Konversation in einer anderen als der türkischen Muttersprache bestreiten. Aber schon der nächste Unterrichtsabend in dieser Woche wird wieder im gewohnten Doppelpack stattfinden. Versprochen!

Peter Hockenholz am Dienstag, 22. ocak 2013